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Vakzin-Skepsis und Kulturkämpfe: Die USA rennen in eine Impfwand

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Ende Mai sollen alle erwachsenen Amerikaner ein Angebot für eine Corona-Impfung erhalten haben. Am nötigen Impfstoff wird es nicht scheitern, stattdessen müssen die USA aus einem anderen Grund zittern. Die Nachfrage lässt nach – bevor Herdenimmunität erreicht ist.

Die USA sind lange durch die Corona-Krise geschlingert. Aber seit Donald Trump das Weiße Haus verlassen und Joe Biden das Oval Office übernommen hat, läuft es. Die Hälfte aller Erwachsenen ist mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft worden. Bis spätestens Ende Mai sollen alle erwachsenen Amerikaner ein Impfangebot bekommen haben. Die USA haben aber auch ein Problem. Eines, das eine riesige PR-Kampagne namens „Roll Up Your Sleeves“ erfordert – krempelt die Ärmel hoch!

Es sind die ganz großen Publicity-Kanonen, die die US-Regierung auffährt. In einer einstündigen Sondersendung auf NBC haben Präsident Joe Biden, sein Ex-Chef Barack Obama, dessen Ehefrau Michelle, NFL-Quarterback Russel Wilson, Sängerin Ciara, der frühere NBA-Star Shaquille O’Neal, der Biden-Berater Anthony Fauci und viele andere Promis die amerikanische Bevölkerung am Sonntag zur besten Sendezeit aufgerufen: Lasst euch impfen!

Denn so gut die Impfkampagne bisher lief, der schwierigste Teil steht den USA womöglich noch bevor: In mehreren US-Bundesstaaten kommt es mittlerweile immer häufiger vor, dass Termine nicht wahrgenommen und ungenutzte Dosen weggeschmissen werden müssen. Das Impfstoff-Angebot übersteigt allmählich die Nachfrage.

Probleme des Föderalismus

„Die USA haben genug Impfstoff, dass man langsam den Punkt erreicht, an dem man sagen kann: All diejenigen, die geimpft werden wollen, werden oder wurden geimpft. Aber was passiert, wenn 25 bis 35 Prozent der Bevölkerung zögern oder sagen: Ich möchte das eigentlich nicht machen“, fragt der Politologe Philipp Adorf von der Universität Bonn im ntv-Podcast „Wieder was gelernt“?

Der Politologe bescheinigt Präsident Biden ein Problem, das auch die Bundeskanzlerin kennt: Die USA sind wie Deutschland ein föderaler Staat. Die Länderchefs, in diesem Fall die Gouverneure der Bundesstaaten, haben sehr viel Einfluss bei der lokalen Umsetzung der Pandemiemaßnahmen. Für die Impfkampagne heißt das, dass sie die Impfreihenfolge festlegen, das begehrte Gut bei der Bundesregierung abrufen, es in der Bevölkerung verteilen und jetzt auf skeptische und zögerliche Menschen zugehen müssen.

Bundesstaaten mit großen Unterschieden

In vielen Bundesstaaten machen die Gouverneure einen guten Job. Im kleinen, liberalen Ostküstenstaat New Hampshire haben schon zwei Drittel aller Erwachsenen mindestens eine Impfdosis erhalten. In einigen Staaten geht es aber deutlich langsamer voran. In Mississippi liegt die Impfquote nur bei gut einem Drittel der Erwachsenen. In Alabama, Tennessee, Louisiana, Georgia, Indiana, Wyoming oder Missouri sind es nur etwa 40 Prozent. Was die Nachzügler vereint: Es sind mit Ausnahme von Georgia alles Bundesstaaten, in denen Donald Trump bei der letzten Präsidentschaftswahl im November gewonnen hat.

„Selbst, nachdem Trump gesagt hat, er ist geimpft, und seine Anhänger aufgerufen hat, sich impfen zu lassen, ist es entsprechend der neuesten Studien so, dass ungefähr 40 Prozent aller Republikaner sagen: Ich plane nicht, mich gegen Covid-19 impfen zu lassen“, fasst US-Experte Adorf das Dilemma zusammen. Eines, das in seinen Augen absehbar war. Auf republikanischer oder konservativer Seite sehe man Wissenschaft, Medizin und damit auch Impfungen seit geraumer Zeit erheblich kritischer, erzählt er. Es gehe um Nebenwirkungen, aber auch um verrückte Verschwörungsmythen.

Philipp Adorf forscht an der Universität Bonn vor allem zur Republikanischen Partei.

(Foto: Universität Bonn)

„Impfungen sind für viele Amerikaner eine Grundsatzfrage und schon lange vor der Corona-Pandemie ein Teil eines größeren ideologischen Culture Wars gewesen“, sagt der Politologe – auch für die verantwortlichen Gouverneure. Beispielsweise habe der frühere republikanische Gouverneur von Kentucky, Matt Bevin, im letzten Jahr gesagt, ein Impfzwang sei unamerikanisch. „Das Argument ist: Wir leben in einem freien Land, und in einem freien Land muss man die Freiheit haben zu sagen: Ich lasse mich nicht impfen“, ordnet Philipp Adorf ein.

Die bevorzugte Immunisierungsstrategie von Ex-Gouverneur Bevin? Er setzt seine eigenen Kinder Krankheiten wie Windpocken lieber auf natürlichem Wege aus.

Gefährlicher als gedacht?

„Wieder was gelernt“-Podcast

„Wieder was gelernt“ ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum müssen manche Berufspiloten Geld für ihren Job zahlen? Warum ist Chiphersteller TSMC das wichtigste Unternehmen auf der Welt? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie „Wieder was gelernt“ einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Es handelt sich um einen Kulturkampf, den auch Ex-Präsident Trump befeuert hat. Er half vor der Pandemie mit, Verschwörungsmythen zu verbreiten, wonach Kinder von Impfungen Autismus bekommen könnten. In die gleiche Kerbe schlagen konservative Leitfiguren wie Tucker Carlson, die ihrerseits die Probleme mit dem Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson ausschlachten.

Der Star des republikanischen Propagandasenders Fox News hält es für möglich, dass der mutmaßlich vorübergehende Impfstopp mehr ist als nur eine Vorsichtsmaßnahme. Denn er kann sich vorstellen, dass das Mittel gefährlicher ist, als die Regierung von Joe Biden zugeben will. Möglicherweise sind Menschen, die eine Infektion überstanden haben, besonders anfällig für Nebenwirkungen? Eventuell sollten die USA darauf verzichten, diese Menschen zu impfen? Kann es sein, dass die Gesundheitsbehörden FDA und CDC die Risiken ignorieren, um die Impfkampagne nicht zu gefährden? Das ist der Mythos, den er in seiner Sendung verbreitet.

Ein Viertel will keine Impfung

Von knapp sieben Millionen Menschen, denen das Mittel von Johnson & Johnson in den USA verabreicht wurde, haben sechs anschließend Blutgerinnsel entwickelt. Eine Frau starb. Schrecklich, aber doch eine sehr geringe Quote gefährlicher Nebenwirkungen. Viele Experten blicken deshalb sorgenvoll auf den vorsorglichen Impfstopp. Einerseits, weil der Einmal-Impfstoff ideal gewesen wäre, um schwer erreichbare Menschen wie Obdachlose zu schützen. Andererseits, weil sie fürchten, dass skeptische Menschen wie im Fall von Astrazeneca in Deutschland nun noch skeptischer sind – nicht nur bei den Republikanern.

In Umfragen sagt insgesamt ein Viertel aller Amerikaner, dass sie sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen. Um Herdenimmunität zu erreichen, müssten aber mutmaßlich zwischen 70 und 85 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Sei es, weil sie geimpft wurden, mit dem Coronavirus infiziert waren oder eine natürliche Immunität besitzen. Das wird knapp.

Speziell in den eher ärmeren Regionen des Landes. Denn neben weißen, eher konservativen Männern aus dem ländlichen Raum hängen vor allem schwarze Amerikaner und Latinos bei den Impfquoten in den USA zurück. Von ihnen will sich bis zum Ende des Sommers nur gut die Hälfte impfen lassen.

Schwarze und Latinos hängen zurück

„Witzig, was Jahrzehnte gesundheitspolitischer Ablehnung und Vernachlässigung anrichten können“, hat es mit einigem Sarkasmus ein amerikanischer Sozialwissenschaftler formuliert. Das gerade gegenüber Minderheiten oftmals menschenfeindliche Gesundheitssystem der USA hinterlasse Spuren, sagt er. Philipp Adorf stimmt zu.

„Bei Schwarzen muss man mit einbeziehen, dass in der Vergangenheit, wenn man es nett formulieren möchte, fragwürdige medizinische Versuche mit bestimmten Krankheiten bei ihnen durchgeführt wurden“, erklärt der US-Experte. „Historisch gesehen, besteht bei der afroamerikanischen Bevölkerung ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlichen medizinischen Maßnahmen.“

Trotzdem ist der Politologe hoffnungsvoll, dass die amerikanische Impfkampagne letztendlich von Erfolg gekrönt sein wird, denn 90 Prozent der schwarzen Bevölkerung wählen eher demokratisch. Und die Demokraten argumentieren aktuell ganz offen: Krempelt die Ärmel hoch, lasst euch impfen.





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