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Sind das schon Einstiegskurse?: „Von Bodenbildung kann man noch nicht sprechen“

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Nach dem Börsen-Gemetzel zum Wochenauftakt wagen die ersten Investoren den Wiedereinstieg. Ist die Panik vorbei? Der angekündigte schnellere US-Zinswende berge immer noch Risiken, warnt Jochen Stanzl von CMC Markets im Gespräch mit ntv.de. „Fed und EZB testen gerade den Markt.“

ntv.de: Gestern hatten wir noch Panikverkäufe, heute steigt der Dax schon wieder. Was ist los an den Börsen?

Jochen Stanzl: Wenn man sich die Kurve anschaut, sieht man, was passiert ist. Der Ausverkauf hat genau am 5. Januar begonnen. Dass der Markt bis dahin drei Wochen lang ununterbrochen gestiegen war – von 15.000 auf ein Allzeithoch bei 16.299 Punkten – hat damit zu tun, dass viele erwartet hatten, dass die US-Notenbank bei ihrer Zinswende sehr langsam vorgehen würde. Als das Fed-Protokoll am 5. Januar veröffentlicht wurde, war diese Hoffnung plötzlich dahin und klar, dass sie ziemlich schnell nach der ersten Zinsanhebung auch ihre Bilanz verkleinern will. Seitdem steckt der Markt in einem intakten Abwärtstrend, der sich in den letzten beiden Tagen noch beschleunigt hat.

Panik an der Börse, sagen Analysten, ist ein Indikator für eine nachhaltige Trendwende. Darf man darauf hoffen?

Hoffnung ist in der Regel ein schlechter Ratgeber an der Börse. Ein Blick auf die fundamentalen Rahmenbedingungen zeigt, dass sich das Umfeld gerade für die hoch bewerteten Technologieaktien mit dem bevorstehenden Kurswechsel der Fed verschlechtert hat und diese Tatsache ist nicht mit einer Panik und einem Turnaround wie gestern wegzudiskutieren. Denn man muss sich klarmachen, was steigende Zinsen bedeuten. Bei den Bewertungen von Aktien geht es um Zukunftsversprechen der Unternehmen. Wenn Paypal einen Dollar Gewinn macht, sind Anleger bereit, ein Mehrfaches davon zu zahlen, solange die Zinsen niedrig oder nahe Null sind. Aber wenn Zinsen steigen, sind die künftigen Gewinne eines Unternehmens weniger wert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für die Zukunft sinkt. Außerdem können Anleger bei steigenden Zinsen auch in Festgeld investieren und müssen das Risiko von Aktien gar nicht erst tragen.

Am Mittwoch wird etwas mehr Gewissheit in dem großen Angstszenario des geldpolitischen Kurswechsels von der US-Notenbank erwartet. Angesichts der Inflation und der Marktreaktionen, die wir sehen: Denken Sie, die Fed steuert wirklich so konsequent um, wie sie ankündigt?

Ich würde sagen, ja. Eine erste Leitzinsanhebung im März dürfte ausgemacht sein. Der Markt ist zu 85 Prozent überzeugt, dass es am 16. März einen kleinen Zinsschritt geben wird. Bis Ende des Jahres könnten dann zwei bis drei weitere Zinsschritte folgen. Außerdem dürfte die Fed nach dem, was wir wissen, relativ bald nach der ersten Zinsanhebung anfangen, ihre Bilanz zu verkleinern.

Verträgt das der Markt oder müssen wir uns auf weitere Kursabstürze einstellen?

Das ist die offene Frage. Was gegen einen Absturz spricht, ist, dass die Bilanz der Fed vor der Pandemie bei vier Billionen Dollar lag. Jetzt liegt sie bei satten 8,8 Billionen Dollar. Was die Fed vorhat, ist ein Zurückfahren der Bilanz, von vielleicht von 8,8 auf 7 Billionen über einen Zeitraum von einem oder zwei Jahren. Aber sie wird nicht auf vier Billionen zurückgehen! Das heißt, es wird immer noch mehr Liquidität im Markt bleiben als wir vor zwei Jahren hatten. Das ist also ein minimaler Eingriff, gleichzeitig aber auch schon eine effektive psychologische Maßnahme, die bereits eine Bereinigung darstellt. Tatsächlich wurde eine richtige Zinswende schon oft probiert in den letzten 15 Jahren, aber richtig geklappt hat sie nie.

Blicken wir mal zurück: 2018 hat eine im Nachhinein nur geringe Reduzierung der Fed-Bilanz schon zu einer großen Korrektur am Aktienmarkt von 20 Prozent geführt. Ein ähnliches Gemetzel wie damals befürchten Sie nicht?

Wir wissen einfach nicht, was der Markt verträgt. Was wir gestern gesehen haben, stimmt natürlich skeptisch. Aber es ist ein Austesten. Die Ausgangslage ist grundsätzlich eine andere als 2018. Die Märkte sind seitdem noch einmal deutlich gestiegen. Von dem hohen Niveau ist eine gewisse Korrektur durchaus angemessen.

Die EZB lässt der Fed bei den Zinserhöhungen den Vortritt und kassiert dafür nicht zu knapp Schelte. Zu Recht?

Jochen Stanzl ist Chef-Marktanalyst beim Broker CMC Markets.

Die EZB bezieht sich auf die Rahmenbedingungen der Eurozone, die konjunkturelle Situation ist eine gänzlich andere als in den USA. Hierzulande haben wir zehnjährige Bundesanleihen, die gerade mal knapp wieder über Null sind. In den USA sind die Zehnjahres-Renditen bei 1,7 Prozent. Das sind zwei Welten. In der Vergangenheit hat sie es immer so gemacht, dass sie die Fed voranschreiten lassen und die Geldpolitik dann nachgebildet hat. Was wir derzeit weltweit sehen, ist ein Flickenteppich an Ausstiegsplänen aus der Niedrigzinspolitik: Die Fed ist konservativ unterwegs, die EZB will noch ein bisschen warten – der erste Zinsschritt wird wahrscheinlich erst 2023 vollzogen -, die japanische Notenbank dagegen denkt nicht mal an eine Zinswende, weil es in Japan immer noch Deflationsgefahren gibt, und China fängt schon wieder an zu lockern. Da kann man sich aussuchen, wer am Ende richtig liegt.

Unterschätzen die europäischen Währungshüter die Inflationsschübe?

Doch, wenn wir uns den Ölpreis anschauen. Zuletzt haben wir gesehen, dass der Preis immer dann gestiegen ist, wenn es irgendwo Probleme in der Produktion oder Lieferung gab. Waren die Probleme gelöst, hätte er sinken müssen, aber er ist oben geblieben. Dieses ständige Hochhangeln und Ignorieren von negativen Faktoren ist in der Tat ein Problem. Das haben wir auch gestern gesehen, als alles verkauft wurde, was mit Risiko zusammenhängt. Öl aber ist nur leicht gefallen und jetzt steigt der Preis schon wieder. Der Ölpreis scheint völlig immun zu sein, wir sind schon im Bereich von 90 Dollar. Wenn er nach oben ausbricht, wird es schwierig. Trotzdem wäre es für die EZB keine Alternative, mit der Fed mitzuziehen, denn das würde die Marktreaktionen noch intensivieren. Ich glaube, dass die Notenbanken sich bewusst abgesprochen haben, den Markt erst mal zu testen.

Wenn man sich die Auswirkungen der angekündigten Zinswende am Markt anschaut, sieht man vor allem eins: Die Techwerte haben bereits extrem korrigiert. Gibt es Unternehmen, die die Zinswende begrüßen?

Das ist richtig. Die gefeierten großen Tech-Aktien wie Paypal und Co sind bereits zwischen 50 und 70 Prozent gefallen. Hier hat die Korrektur also bereits stattgefunden. Die Frage, die sich deshalb in der Tat stellt, ist: Wie wird sich eine zügigere Zinswende auf den Gesamtmarkt auswirken? Das wird ganz unterschiedlich sein. Für die Blue Chips, die Banken im Dax beispielsweise, sind steigende Zinsen auch positiv. Auch große Unternehmen freuen sich über steigende Zinsen, denn ein Teil der gebildeten Pensionsrückstellungen können in dem Moment, wo es wieder Zinsen am Markt gibt, wieder freigegeben werden. Das stärkt die Bilanz bei großen Unternehmen. Manchmal ist die Angst eben auch größer, als sie sein müsste.

Wie sind die Kriegsängste angesichts des Ukraine-Konflikts zu bewerten?

Dass der Ölpreis gestern gar nicht reagiert hat, hat natürlich auch mit den geopolitischen Spannungen zu tun. Durch die Ukraine fließt eine Erdgas-Pipeline und das Erdgas hat eine Ölpreiskoppelung. Natürlich lautet die Frage, wie viel wird im Kriegsfall noch weitergeleitet. Aber das ist ein Thema, das eher die Rohstoffpreise angeht. Sollte sich die Ukraine-Krise trotz der angesetzten Gespräche wieder verschärfen, könnten die europäischen Energiepreise stark steigen – das dürfte dann auch die Aktienkurse wieder drücken.

Welche Rolle spielen Shortseller derzeit an der Börse? Laut einer Analyse von Bundesanzeiger-Daten sollen Hedgefonds seit Anfang Dezember 40 neue Wetten auf fallende Kurse von Dax-, M-Dax und SDax-Werten eröffnet haben. Setzt das dem Markt zusätzlich zu?

Das hört sich tendenziell so an, als sei Shortselling nicht in Ordnung. Für mich ist das neutral. Jede Meinung hat ihre Berechtigung. Wenn jemand glaubt, Tesla steigt über 2000 Euro, ist das erlaubt. Und wenn jemand meint, die Aktie ist überbewertet und fällt, hat das ebenfalls seine Berechtigung. So erzeugt man Markteffizienz. Es ist natürlich aber auch so, dass in solchen dynamischen Phasen, wie wir sie jetzt sehen, Leerverkäufer eine Rolle spielen, weil sie Abwärtsbewegungen intensivieren. Umgekehrt gilt aber dasselbe, Long-Käufer sorgen für Ausschläge nach oben.

Dürfen Schnäppchenjäger sich denn schon wieder vorwagen?

Ich glaube, konservative Anleger werden bei der augenblicklichen Volatilität abwarten. Gestern lag die Volatilität bei 33, am 20. Januar lag sie noch bei 22. Fonds dürfen ab einer bestimmten Marke nicht mehr kaufen oder müssen sogar verkaufen oder sich absichern. Das Hoch, das wir gestern Abend gesehen haben, muss jetzt überschritten werden. Sollte es dann noch weitere Käufer geben und sich die gestrige Umkehr als tragfähig erweisen, dann hätten wir den Anfang einer Bodenbildung. Im Moment sehe ich das aber noch nicht.

Mit Jochen Stanzl sprach Diana Dittmer

Verfolgen Sie das Marktgeschehen live beim Börsen-Tag von ntv.de.



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Magazine Editors in Chief Are Disappearing – WWD

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When Laura Brown, the popular editor in chief of InStyle, departed the title earlier this year at the same time as it was revealed that its print edition was ending after close to three decades, no public announcement was made about her successor to run digital operations.

But an inquiry to the PR department of Dotdash Meredith, which last year acquired Meredith titles such as InStyle, People and Entertainment Weekly, resulted in the answer: Laura Norkin, previously deputy editor, will be overseeing InStyle as senior editorial director. In her new role she’ll work closely with Leta Shy, the former editor in chief of Condé Nast-owned Self, who will join Dotdash Meredith in June as senior vice president and group general manager of beauty and style, looking after Brides, Byrdie, InStyle and Shape.

The message appeared to be that at InStyle, gone are the days of big flashy announcements about top editors and also the actual editor in chief title.

And the fashion publication isn’t the only one that has lost the lofty editor in chief title. After just a year in the job, Mary Margaret quietly exited the role of editor in chief at Entertainment Weekly, which also had its print component axed, and has been succeeded by EW executive editor Patrick Gomez, who has been named to the position of general manager. Shape, EatingWell, Health, and People en Español, all now digital-only, are also all without an editor in chief.

For now, People, its biggest cash cow, still has an editor in chief, as do a handful of other titles.

Explaining the new structure, a Dotdash Meredith spokeswoman said: “All of our magazines have editors in chief who lead content and editorial for print and help set the overall direction for the brands across all platforms, working closely with the brand general manager. All digital content (whether for a digital+print brand or a digital-only brand) is driven by senior editorial directors, who typically oversee groups of editorial directors and editors and report to general managers.”

The exception to the rule is Parents, which was made digital-only earlier this year, but still has an editor in chief.

As for what the general manager does, the role looks to be a modern-day term for publishers, with Dotdash Meredith describing the position as “business leads for each brand, setting overall direction, working closely with editorial, content strategy, business development, audience development and marketing for each brand.”

Of the trend of disappearing editors in chief, Aileen Gallagher, associate professor of magazine, news and digital journalism at Syracuse University, said: “Editor in chief is a title that is very associated with print and as time goes on and you have audiences and also frankly employees that are not wedded to print, that title becomes less important to them.”

At Complex Networks, now owned by BuzzFeed Inc., the traditional editor in chief role has been split in two. Aria Hughes was recently named editorial creative director, charged with managing the vertical leads, as well as digital covers and feature ideas, while executives are searching for an editorial strategy director, responsible for overseeing the news operation as well as SEO lists, traffic, volume and engagement. Both these roles will report to Aia Adriano, former director of social, who has been promoted to vice president of content.

“Complex had kept what I would call maybe a rigid structure and hierarchy based on our previous model of being a print magazine first and then eventually a dot-com website and that is a very strict editorial structure where all roads lead to the editor in chief as the gatekeeper of taste and tone for the brand,” Donnie Kwak, general manager of Complex Networks of the recent changes.

“In the years since, we’ve evolved from a print magazine to digital to video to audio to experiential,” he explained. “While the dot-com product and the text product is still an integral part of what we do, it isn’t the be-all and end-all of Complex the brand. So rather than have an editor in chief position which is responsible for yaying and naying everything across everything we do, I thought it made more sense to have a specific role of creative director for our editorial product to work alongside the leader of our video product and our social product and our collaborations and our experiential director.”

To date, though, the biggest publisher to start the trend was Condé Nast, the owner of Vogue, Vanity Fair, GQ, Glamour and The New Yorker, among others. Beginning in 2020, a number of editors in chief around the globe, many of whom had been in the position for years, departed, leaving spectators with questions.

They were soon answered when Anna Wintour was appointed chief content officer and global editorial director of Vogue and a handful of editors in chief were made editorial content heads for particular regions as the publisher looked to streamline its editions after merging U.S. and international operations and save costs amid the global pandemic.

As part of the changes, Edward Enninful, the widely celebrated top editor at British Vogue who is said to be an eventual successor to Wintour, was promoted to European editorial director of Vogue for the markets owned and operated by Condé Nast, which include the U.K., France, Italy, Germany and Spain. While Wintour and Enninful are still listed as editors in chief of American Vogue and British Vogue, respectively, many of the other titles have been given a head of editorial content like Eugénie Trochu at the newly named Vogue France.

This did not go down well with everyone. As previously reported by WWD, Celine’s artistic, creative and image director Hedi Slimane was understood to be so upset by former Vogue Paris editor in chief Emmanuelle Alt’s departure that Vogue Runway was not invited to cover Celine’s spring 2022 virtual show and hit the brakes on some advertising with the Vogue brand.

The changes have happened not just at Vogue but also other Condé titles including Vanity Fair, GQ, Condé Nast Traveler and Architectural Digest. For Vanity Fair, Simone Marchetti has been promoted to European editorial director, inclusive of the editions published in France, Italy and Spain. Vanity Fair’s U.S. and U.K. editions will continue to be overseen by editor in chief Radhika Jones. 

For now, the U.S. versions of Teen Vogue, Self and Glamour, all digital-only publications, still have editors in chief.

 

FOR MORE, SEE:

Magazines Continue to Be Out of Favor With Advertisers

The Monthly Fashion Magazine Is No More

André Leon Talley Tribute Attracts Naomi Campbell, Anna Wintour and More

 





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Mario Lopez to Launch Signature Footwear – WWD

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ALL ABOUT ACCESSIBLE: Lifestyle branding is nothing new for “Access Hollywood” host Mario Lopez, but what will be a change of pace is the upcoming introduction of a signature collection.

The actor and two-time Emmy award-winning host has teamed with SCL Footwear to roll out Mario Lopez footwear later this year. Geared for men and boys, the styles will include dress shoes as well as more casual styles, including sneakers, slippers and boots. The father of three, who keeps his 2 million Instagram followers up-to-speed about his children’s athletic pursuits, is developing a collection that will reflect his own lifestyle and personal choices.

The widely recognized Latino television personality already works with a variety of brands for a wide range of products, such as fitness ones, pet accessories, vitamins and nutritional supplements, kitchen gadgets and barbecue accessories. In terms of fashion, Lopez’s portfolio includes boys’ and infants’ apparel, men’s underwear, sleepwear and loungewear. The host of NBC’s entertainment news show “Access Hollywood” and its sister show “Access Daily” host also has a Mario Lopez fragrance. Both shows were recently renewed for three more seasons through 2025 in national syndication. Lopez also has an overall development deal with NBC/Universal.

Lopez sent the SCL team various inspirational pictures of what he thought would make sense for his line, as the company was developing the casual, dress and athletic categories, a company spokeswoman said. The footwear will retail from $50 to $70.

He considered footwear to be the next “best” progression for his “nationally growing” brand, according to the spokeswoman. “Mario has a certain affinity for footwear and felt that having stylish footwear with added comfort is the perfect complement to a man’s wardrobe.”

Like ABC’s Michael Strahan and other established TV personalities, Lopez appears to be all about building his lifestyle brand.

By teaming with SCL Footwear, he will be working with the wholesale footwear manufacturer that produces kicks for Daisy Fuentes, Goodyear, Outdoor Life and other brands. The deal was executed by ACI Licensing.

SCL’s national sales director for men and boys Danny Rosen said the company celebrates Lopez’ success and connects with him and his audience. During the 2020-2021 season — its 25th anniversary — “Access Hollywood” reportedly averaged more than 1.4 million viewers daily.





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Die Seilbahntragödie von Stresa vor Gericht

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Italien

Doppeltes Versagen führte zum Unglück: Die Seilbahntragödie von Stresa kommt vor Gericht

Vor einem Jahr starben beim Unglück am Lago Maggiore 14 Menschen – wegen zweier menschlicher Fehlleistungen.

Andrea S. aus Mailand kann das Geräusch, das der Riss des Zugseils verursachte, bis heute nicht genau beschreiben. «Man hörte ein Sirren von oben, gefolgt von einer Art metallischem Peitschenschlag», berichtete er am Wochenende gegenüber dem «Corriere della Sera».

Der 39-Jährige befand sich im Augenblick des Unglücks mit seiner Partnerin auf dem Wanderweg unterhalb der Bergstation der Mottarone-Seilbahn und war Augenzeuge des Unglücks: Die Kabine, die sich bereits bis auf wenige Meter der Bergstation genähert hatte, raste nach dem Seilriss ungebremst über Andreas Kopf hinweg talwärts, ehe sie aus dem Tragseil katapultiert wurde und in den Felsen zerschellte.

Die Bilder von der Absturzstelle gingen um die Welt.

Keystone

Der Mailänder rannte als einer der Ersten zur Absturzstelle, die ein Bild des Grauens bot: Mehrere tote Passagiere lagen verstreut im steilen Gelände, andere leblose Körper befanden sich in der komplett zerstörten Kabine. Von den fünfzehn Passagieren, die sich in der Seilbahn befunden hatten, überlebte nur der sechsjährige Aitan, der beim Absturz der Kabine seine Eltern, seinen kleinen Bruder und zwei Urgrosseltern verlor.

Ein unglaubliches menschliches Versagen

Die Tragödie am Lago Maggiore hatte weit über Stresa hinaus für Bestürzung gesorgt – nicht zuletzt deswegen, weil sich schon wenige Tage nach dem Unfall herausstellte, dass ein unfassbares menschliches Fehlverhalten zu der Tragödie geführt hatte: Ein Angestellter der Seilbahn hatte das Notbremssystem mit einer Metallklammer ausser Betrieb gesetzt.

Bei der Mottarone-Seilbahn hatte das Notbremssystem in den Wochen vor dem Unglück nicht richtig funktioniert. Anstatt die Bremse zu reparieren, wurde sie mit der Klammer kurzerhand funktionsuntüchtig gemacht. Hätte das System funktioniert, wären die Passagiere mit einem Schrecken davongekommen.

Während der Grund für das Versagen der Notbremse schon nach wenigen Tagen ermittelt war – der fehlbare Seilbahn-Angestellte ist geständig und behauptet, die Manipulation auf Anweisung seiner Vorgesetzten vorgenommen zu haben – steht nach wie vor nicht zweifelsfrei fest, wie das Tragseil reissen konnte. Das entsprechende Gutachten der Experten wird für den 30. Juni erwartet.

Die zweite Fahrlässigkeit der Verantwortlichen

Laut einem der beteiligten Sachverständigen ist das Zugseil von innen her verrostet – weil eine Routine-Unterhaltsmassnahme während fünf Jahren unterlassen worden sei. Mit anderen Worten: Auch beim Seilriss scheint krasse Fahrlässigkeit im Spiel gewesen zu sein.

Die Staatsanwältin von Verbano, Olimpia Bossi, ermittelt gegen zwölf Personen sowie gegen die Betreibergesellschaft der Seilbahn und den Seilbahnbauer Leitner, der mit den Unterhaltsarbeiten betraut war. Den Beschuldigten wird von Bossi die Verursachung eines Desasters, mehrfache fahrlässige Tötung, fahrlässige schwere Körperverletzung und die illegale Entfernung von Sicherheitssystemen vorgeworfen. Der Strafprozess beginnt im Juli.

Am heutigen ersten Jahrestag der Tragödie findet in Stresa ein Gottesdienst zur Erinnerung an die 14 Toten statt; gleichzeitig wird ein Gedenkstein enthüllt, auf dem ihre Namen eingraviert sind.



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