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Onkel Pö in Hamburg: Lindenbergs Sprungbrett | NDR.de – Geschichte

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Sendedatum: 18.09.2019 00:00 Uhr

von Sabine Leipertz

Udo Lindenberg (r.) ist Anfang der 70er-Jahre Stammgast im Onkel Pö. Seine Liedzeile „Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland“ macht den Musikschuppen deutschlandweit bekannt.

Sie war die angesagteste Musik-Kneipe Hamburgs und ist noch heute legendär. Onkel Pös Carnegie Hall – so der etwas hochtrabende vollständige Name – war in den 70er- und 80er-Jahren auch über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt. Gründer Bernd Cordua wollte der weltberühmten New Yorker Konzerthalle, zumindest was das internationale musikalische Programm betrifft, wohl in nichts nachstehen. Ein ehrgeiziges Projekt, das 15 Jahre erfolgreich war. Im Onkel Pö legten viele zunächst unbekannte Musiker und Bands den Grundstein für ihre Karrieren. In der Silvesternacht 1985/1986 schloss es seine Pforten.

Stammkneipe mit hochkarätigen Musikern

Ende der 60er hat das Onkel Pö seinen Sitz im Mittelweg im Hamburger Stadtteil Pöseldorf und ist eine einfache Kneipe, in der sich nach der Schließung des Star-Clubs auch Musiker treffen. Mit einem riesigen Flügel mitten im Club beginnen allmählich die ersten Sessions mit wechselnden Musikern und diversen Stilrichtungen wie Jazz, Dixie, Rock und Pop. Als einer der ersten Gäste spielt der Jazz-Pianist Gottfried Böttger, der später die Rentnerband gründet, ab und an im Onkel Pö. Anfang Oktober 1970 zieht das Onkel Pö nach Eppendorf in den Lehmweg um – als offizielles Gründungsdatum gilt der 1. Oktober. Bernd Cordua holt sich Walter Dehnbostel als Partner mit ins Boot, der Kneipencharakter und das musikalische Programm bleiben, die Zahl der Gäste aber steigt stetig.

Musikerlegenden im Onkel Pö

Das Onkel Pö wird zum Szenetreff. Hier treffen sich nicht nur die Stammgäste auf das eine oder andere Bier, sondern auch Leute von Plattenfirmen, Musik-Manager und Rundfunk-Redakteure, die schon „the next big thing“ wittern. Nach und nach entsteht die sogenannte Hamburger Szene, gleichzeitig erlebt die Musikwelt ein Revival von New-Orleans- und Dixie-Sound. 1972 steigt Cordua aus, und Peter Marxen, der bis dahin als Kellner im Pö gearbeitet hat, übernimmt die Regie.

Programm-Tipp

NDR Fernsehen

18.09.2019 00:00 Uhr

NDR Fernsehen

Der Hamburger Musikclub Onkel Pö war legendär. Der Film blickt anhand von Archivmaterial und Zeitzeugenberichten zurück und lässt die kleine Eckkneipe wieder lebendig werden.
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Lindenberg-Hit verhilft Onkel Pö zu Ruhm

Marxen kennt Udo Lindenberg, der schon Ende der 60er im Jazzhouse mit der Band Free Orbit aufgetreten ist. Lindenberg wird Stammgast im Onkel Pö und gründet 1973 mit Gottfried Böttger das Panikorchester. Udo hat seinen Stil gefunden und singt nun auf Deutsch. Im Juli erscheint das Album „Alles klar auf der Andrea Doria“, das sich über 100.000 Mal verkauft, die gleichnamige Single wird zum ein Chart-Hit. Die Liedzeile „Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland“ macht die Kneipe dann in ganz Deutschland berühmt. Von überall kommen die Fans und belagern den Club, um Udo zu sehen. Marxen, der gute Kontakte zur Jazz-Szene hat, nutzt nun die Popularität seines Clubs und holt Jazz-Größen wie Dizzy Gillespie, John Abercrombie, Chet Baker, Art Blakey, Don Cherry, Chick Corea, Steve Goodman, Pat Metheny oder Steve Lacy ins Onkel Pö.

Al Jarreau avanciert zum Jazz-Star in Deutschland


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Auch Al Jarreau startet seine Karriere in den 70er-Jahren im Onkel Pö.

In den 70er-Jahren beginnt der NDR, im Onkel Pö regelmäßig Live-Mitschnitte von Konzerten für den Rundfunk zu produzieren. Al Jarreau, der damals noch völlig unbekannt ist, spielt am 12. März 1976 – seinem 36. Geburtstag – vor rund 70 Leuten. Am zweiten Abend wird der Auftritt vom NDR live im Radio übertragen. Jazz-Redakteur Michael Naura sagt damals: „Wir haben in Europa auch nicht andeutungsweise ein solches Talent.“ Innerhalb von nur acht Monaten avanciert Jarreau zum Jazz-Star in Deutschland. Er erhält den Deutschen Schallplattenpreis als bester internationaler Nachwuchskünstler, eine Fernsehshow beim NDR und spielt unter anderem in der Hamburger Musikhalle vor 2.000 Fans. Bei den Jazztagen bejubelten ihn knapp 5.000 Besucher. Neben Lindenberg und Jarreau starten dann auch auch Helen Schneider und Otto Waalkes ihre Karrieren im Onkel Pö.

Joe Cocker bei Kerzenschein


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Spielt 1979 bei Kerzenschein mit Peter Urban am Lehmweg: der britische Sänger Joe Cocker.

Ende der 70er-Jahre will Marxen die Kultkneipe an eine Fast-Food-Kette verkaufen. Für Holger Jass, der damals nebenan wohnt, undenkbar. „Ich hatte drei Antiquitäten-Läden und dachte mir: Bevor ich meine Stammkneipe verliere, übernehme ich das Pö eben“, erinnerte er sich vor einigen Jahren im Gespräch mit NDR.de. Am 1. Januar 1979 hat das Onkel Pö dann einen neuen Besitzer. Ab da finden auch Rockmusiker zunehmend ihren Weg in den Club am Lehmweg. „Manchmal brachten die Bands ihr Equipment in 20-Tonner-Sattelzügen mit“, so Jass. „Wenn sie dann im Club standen, sagten sie ‚Das ist ja nett hier, aber wo bitte ist die Bühne?‘ Ich konnte dann immer nur sagen: ‚Ihr steht drauf.‘ Aber irgendwie ging’s immer. Und für rund 300 Leute braucht man ja auch nicht so viel Power.“

Ein Erlebnis ist Jass besonders in Erinnerung geblieben: „1979 gab Joe Cocker ein Konzert in Hamburg, irgendwann kam er dann in den Club, Peter Urban war auch dabei. Nun hatten wir aber im gesamten Viertel seit zehn Minuten keinen Strom und ich hatte Kerzen auf die Bar gestellt. Cocker wollte unbedingt noch spielen und sagte nur ‚Klar kann ich spielen, auch ohne Strom‘. Peter setzte sich dann ans Klavier und Joe sang vor circa 30 bis 40 Leuten, trank danach noch ein Bierchen und ging wieder. Und ein paar Minuten später hatten wir dann auch wieder Strom.“

1981 spielen die irischen Rocker von U2 hier ihr erstes Deutschland-Konzert. Im Laufe der 80er-Jahre kommen auch NDW-Größen wie Trio oder Palais Schaumburg sowie die New-Wave-Band Talking Heads ins Pö.

Erste NDR Talk Show live aus dem Onkel Pö


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Dagobert Lindlau moderiert 1979 die erste NDR Talk Show im Onkel Pö.

Neben den musikalischen Highlights verbindet den Norddeutschen Rundfunk noch eine besondere Geschichte mit dem Onkel Pö: Am 9. Februar 1979 wird von dort die erste NDR Talk Show gesendet. Das Moderatoren-Kult-Trio Dagobert Lindlau, Wolf Schneider und Hermann Schreiber hat unter anderem Bundesminister Hans Apel zu Gast. Die Reaktionen der Zuschauer und Kritiker sind jedoch verhalten. Bereits zur zweiten Sendung kommt es zum Eklat. Als Gast hat der NDR Arno Breker geladen, den Lieblingsbildhauer von Adolf Hitler. Holger Jass ist empört. „Das konnte ich nicht akzeptieren. Für mich hat Arno Breker die Nazi-Ideologie in Stein gehauen und war schlichtweg ein Nazi. Mein Großvater hatte einige Zeit im KZ verbracht. Einen Nazi wollte ich nicht in meinem Laden haben“, erklärt Jass später seine Weigerung, Breker ins Onkel Pö zu lassen. Winfried Scharlau, einer der Väter der Talk Show, will sich damals aber von Außenstehenden nicht vorschreiben lassen, wer als Gast in der Sendung auftreten darf und wer nicht. Die Talk Show wird ins Studio verlegt.

Videos

04:12

Hamburg Journal

Hamburg Journal

Legendäre Abende, Newcomer, die zu Stars wurden – und das alles mitten in einer kleinen Kneipe in Eppendorf. Am 1. Oktober 1970 eröffnete das „Onkel Pö“ und schrieb Geschichte.
Video (04:12 min)

Aus der Kult-Kneipe Silvester 1985

In den 80er-Jahren rentiert sich der Betrieb nicht mehr. „Wir hatten ziemliche Probleme mit der Stadt“, so Jass. „Ich sympathisierte damals mit den Grünen und war gegen die SPD. Ständig mussten wir neue Auflagen erfüllen und uns wurden viele Steine in den Weg gelegt. Außerdem war der Laden einfach zu klein. Offiziell passten da nur 180 Leute rein. Manchmal waren es zwar 300, aber auch die konnten die hohen Gagen der Künstler nicht immer reinholen. In den 80ern, als wir viele US-Bands im Pö hatten, wurde ja nach Dollar-Kurs abgerechnet und der war sehr hoch. Und auch wenn das Pö voll war, machten wir trotzdem Miese.“ Jass hat Mitte der 80er-Jahre aber auch persönliche Gründe, sich aus der „Nachtarbeit“ zurückzuziehen. „Meine Tochter war geboren und ich wollte sie einfach aufwachsen sehen.“ Nach 15 Jahren und Tausenden von Musikern, die sich hier fast wie zu Hause gefühlt haben, schließt das Onkel Pö seine Türen ein letztes Mal.

Dieses Thema im Programm:

18.09.2019 | 00:00 Uhr

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Berlinale-Wettbewerb: „Todos os mortos“ blickt auf Brasilien um das Jahr 1900 zurück

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Filmstill "Todos os mortos" | All the Dead Ones | All die Toten von Caetano Gotardo, Marco Dutra (Quelle: Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens)
Bild: Hélène Louvart/Dezenove Som e Imagens

Berlinale-Filmkritik | „Todos os mortos“

„Warum lassen sie uns nicht allein?“

Klassischen Horror bietet der brasilianische Wettbewerbsbeitrag „Todos os mortos“ nicht. Aber was der kurz nach dem Ende der Sklaverei angesiedelte Film über Unterdrückung und Verdrängung erzählt, ist schon ziemlich beunruhigend. Von Fabian Wallmeier

Den letzten Kaffee ihres Lebens macht sie nur für sich selbst. Josefina (Alaíde Costa), bis vor wenigen Jahren noch Sklavin und jetzt Dienerin im Haus der Plantagenbesitzerfamilie Soares, röstet Kaffeebohnen auf offenem Feuer in einer Pfanne, mahlt sie mit einer quietschenden Handmühle und gießt den Kaffee auf. Dann sitzt sie in der Küche, schaut hinaus in den Regen und singt ein Lied, das die Wasser der Gottheiten preist.

„Todos os mortos“ spielt in Sao Paolo zwischen September 1899 und Februar 1900. Noch hat sich trotz der Abschaffung der Sklaverei vieles nicht geändert – schon gar nicht im Bewusstsein der drei Soares-Frauen, die in Abwesenheit des Vaters und Ehemanns den kaum noch aufzuhaltenden Ruin der Familie zu ignorieren versuchen. In der zweiten Szene des Films kommt Matriarchin Isabel (Thaia Perez) von Josefinas Beerdigung zurück – und klagt darüber, dass niemals wieder jemand Josefinas Kaffee trinken wird – und vor allem: Wer soll ihr jetzt dabei helfen, ihre Füße zu waschen?

Die Toten prozessieren stumm

Tochter Maria (Clarissa Kiste) ist noch am ehesten im direkten Kontakt mit den Veränderungen. Die Nonne arbeitet als Lehrerin und hat es dort nun zu ihrer sichtbaren Irritation nicht mehr nur mit weißen Schülerinnen zu tun. Tochter Ana (Carolina Bianchi) dagegen taucht immer wieder in den Wahnsinn ab. Sie verbringt jede freie Minute am Klavier und hört nicht richtig zu, wenn andere mit ihr reden. Einmal reagiert sie ganz erstaunt, als sie daran erinnert wird, dass es die Sklaverei nicht mehr gibt. „Warum lassen sie uns dann nicht allein“, fragt sie. Vor allem aber ist sie davon überzeugt, dass sie all die Sklaven von damals, „all die Toten“ in stummer Prozession durch das Haus ziehen sieht.

Zum Glück hat der Film ein starkes Gegengewicht zu den Soares-Frauen: wiederum vor allem Frauen. Die neue Bedienstete Carolina (Andrea Marquee) lässt sich nicht mehr nach Belieben herumkommandieren. Ganz selbstverständlich erzählt sie der pikierten Isabel, dass sie vom Brot, das sie serviert vorher gekostet hat, und gibt auch ansonsten mit starrer Miene Widerworte. Der wichtigste Gegenpol ist aber die ehemalige Sklavin Iná (Mawusi Tulani). Sie kommt ins Spiel, als Maria sie um Hilfe bittet: Mit den Ritualen ihrer Vorfahren soll sie Isabel von ihren höllischen Rückenschmerzen heilen – oder zumindest so tun, um Anas Wahnvorstellungen gerecht zu werden. Iná und ihr Sohn Joao folgen Maria zwar nach Sao Paolo, das Ritual wird auch tatsächlich ausgeführt – doch Iná grenzt sich bald ab. Sie macht unmissverständlich klar, dass sie für eine Verhöhnung ihrer Traditionen nicht zur Verfügung steht.

Beiläufigkeit statt Thrill

Mit „Good Manners“ hat Marco Dutra 2017 (zusammen mit Juliana Rojas) einen prallen Genrefilm gemacht. Auch darin setzte er schon auf Genre-Verwirrung und langsames Anschwellen in Richtung Horror. In dem ganz gemächlich erzählten und exzellent gespielten neuen Film „Todos os mortos“ (mit Co-Regisseur Caetano Gotardo) ist das Anschwellen viel geringer und die Verwirrung deutlich subtiler – obwohl gleich in der zweiten Szene ein Anker in Richtung Grusel geworfen wird: Ana sitzt mit erdverschmierten Händen am Klavier – und immer wieder sieht man sie im Garten graben – doch die Frage, was sie da tut, wird nicht in Thriller-Manier gestellt, sondern eher beiläufig – ganz ruhig und ohne musikalische Spannungserzeuger.

Vereinzelt schieben sich Hinweise auf die Moderne in den Film, erst subtil, dann immer eindeutiger: Im Hintergrund fährt irgendwann ein Auto vorbei, es ist nur ganz kurz zu sehen. Später sitzt Isabel am Fenster und preist völlig unerwartet die Möglichkeiten des neuen Zeitalters, das mit dem Jahrhundertwechsel anbricht: seine technischen Entwicklungen, seine Kommunikationsformen. Auf der Tonspur schwillt derweil eindeutig moderner Verkehrslärm mit Polizeisirenen an. Ganz am Ende wird es dann noch eindeutiger: Da sehen wir Ana in ihrem Fin-de-Siècle-Kleid durch das moderne Sao Paolo laufen – und Joao oder sein moderner Wiedergänger singt das Lied, das Josefina in der ersten Szene des Films gesungen hat.

Der Film behauptet also eine Kontinuität von – ja, wovon eigentlich genau? Da legt er sich nicht fest, was ihn streckenweise etwas unentschlossen wirken lässt. Er bietet an: die Kontinuität der Unterdrückung, die Kontinuität der Verdrängung, die Kontinuität des Widerstands. Vielleicht sind aber auch schlicht alle drei Kontinuitäts-Behauptungen wahr. Das wäre mit Blick auf den Widerstand beruhigend – mit Blick auf Unterdrückung und Verdrängung aber verdammt beunruhigend.

Trailer

Fazit: Fazit: „Todos os Mortos“ arbeitet mit Horror-Elementen, ist aber vom Stil her viel ruhiger. Der exzellent gespielte Film aus Brasilien erzählt aus der Zeit kurz nach dem Ende der Sklaverei – und zeigt eine beunruhigende Kontinuität auf.

Sendung: rbb24, 23.03.2020, 21.45 Uhr 

Bärenwürdig? – Das sagen die RBB-Kritiker



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Julian, die schwarze Meerjungfrau | ZEIT ONLINE

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In ihren Geschichten dürfen Kinder gegen Drachen kämpfen,
mit Einhörnern streiten und in Baumhäusern durch die Zeit reisen. Kinderbücher
vermitteln so schon den Jüngsten, wie grenzenlos die Welt die Fantasie ist –
und eröffnen ihnen schier unendliche Möglichkeiten der eigenen Verortung und
des Imaginierens. Zumindest, bis die Fantasie der Erwachsenen an ihre Grenzen
stößt.

Eine
schwarze Arielle etwa
: Da wird es für manche schon eng, wenn es um
Fiktionen für Kinder geht. Und so überraschte in der Diskussion um die
Besetzung der Hauptrolle eines Disney-Realfilms im letzten Jahr nicht nur, dass
es sie überhaupt gab. Sondern auch, mit welchen Argumenten sie geführt wurde.
Dass die Fantasie zwar Fabelwesen einschließen darf, nicht aber Fabelwesen of Color, ließ schon recht tief blicken und eigentlich nur einen Schluss zu: Die
Grenzen grenzenloser Vorstellungskraft liegen zumindest für einen lautstarken
Teil des Publikums genau an der Pforte, durch die Protagonistinnen of Color
hindurchtreten wollen.

An Grenzen hält sich Jessica Loves Debüt Julian ist eine
Meerjungfrau
, das nun auf Deutsch
erschienen ist, ganz bewusst nicht. Minimalistisch in der Wortwahl und opulent
in der Bildsprache, erzählt es von der Sehnsucht eines schwarzen Jungen,
Meerjungfrau zu sein. In einer Schlüsselszene steht Julian vor seiner
Großmutter, in weißer Unterhose und mit knochigen Knien, die Spitzengardine um
sich gehüllt, ein paar ausgerissene Farne auf dem Kopf und Lippenstift am Mund.
Ein verstohlener Blick seinerseits, ein überraschter von ihr. Dann ein Moment
der Unsicherheit, sie verschwindet in all ihrer runden, schwarzen, weiblichen
Herrlichkeit aus dem Rahmen – um eine Seite später mit einer Goldkette in der
Hand zurückzukehren. Du darfst sein, genau so, wie du bist, sagt dieses Bild.
Damit bietet das Bilderbuch in einer einzigen Geste eine so kraftvolle und klare
Botschaft, wie sie andere Bücher auch nach 300 Seiten und zehn inhaltlichen
Toleranzkeulen nicht vermitteln können.

Bis zum Ende bleibt Julian
ist eine Meerjungfrau
ganz nah bei Julian und seinem Wunsch. Damit
unterscheidet es sich von vielen Kinderbüchern: Zum einen liegt der Fokus
allgemein selten auf Kindern of Color. Es ist leichter, sprechende Drachen und
Dinosaurier zu finden als nicht-weiße Kinder, gerade in zentralen, aktiven Rollen. Eine
aktuelle Studie fand etwa in nur vier Prozent der 2017 in Großbritannien veröffentlichten
Kinderbücher einen Hauptcharakter of Color vor. Dabei hat der englischsprachige
Buchmarkt europaweiten Vorbildcharakter, was Diversität und Repräsentation
angeht.

Durch den weißen Blick

Zum anderen dürfen Kinder mit Flucht- und
Migrationserfahrung meist nur eine Hauptrolle spielen, wenn genau diese
Merkmale ihrer Identität verhandelt werden. Die Grenzen des Möglichen sind für sie
somit auch im Kinderbuch klar abgezeichnet. In Susana Gómez Redondos Am Tag,
als Saída zu uns kam
fehlen der aus Marokko geflüchteten Titelgeberin die
Worte, und eine weiße deutsche Ich-Erzählerin macht sich in poetischer Wort- und
Bildsprache auf die Suche nach ihnen. Selbstermächtigung? Nö. Saída
wird durch den weißen Blick auf sie erschlossen und bleibt durch die gewählte
Perspektive die exotisierte Andere – eine Bilderbuch-Marokkanerin mit
Couscous-Mahlzeiten, Orangenduft, traurigen schwarzen Augen und fliegenden
Teppichen.

Kirsten Boie geht in Bestimmt wird alles gut anders
vor, legt ihrer Fluchterzählung Interviews zugrunde und lässt dabei auch die
schmerzvollen Erinnerungen nicht aus. Eine Art auktorialer Kindererzähler
berichtet von Bombenangriffen und Todesopfern, von gesammelten Patronenhülsen
und Panzern in den Straßen. In seiner Realitätsnähe liegt die Kraft des Buches
und zugleich seine Beschränkung in der Anwendung: Obwohl der Verlag ein Buch
„für alle“ verspricht, ist es eher kein Buch für Kinder mit eigenen
Fluchterfahrungen. Zu groß ist hier die Gefahr der Retraumatisierung – daran
ändert auch Mehrsprachigkeit nichts.



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Wäre Hamburg doch nur das größte Problem der CDU | ZEIT ONLINE

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Ein historisch schlechter Abend für die CDU: Noch nie hat sie in Hamburg weniger Stimmenanteile geholt. Sie kommt auf 11,2 Prozent laut den ersten Hochrechnungen. Das sind fast fünf Prozentpunkte weniger als bei der letzten Wahl 2015 – die 47,2 Prozent unter Bürgermeister Ole von Beust 2004 wirken im Vergleich fast unwirklich. Das schlechte Abschneiden war absehbar und seit Monaten betont die Parteizentrale in Berlin: Hamburg ist nur Hamburg, darüber bricht die CDU doch nicht zusammen.

Tatsächlich sollte man die Wahlergebnisse in Stadtstaaten nicht überbewerten. Das gilt zumindest in normalen Zeiten. Aber wenn ein solcher Nackenschlag eine ohnehin geschwächte, verunsicherte Partei trifft, hat das eine Wirkung weit über die Grenzen von Blankenese und Billstedt hinaus. Das war so, als die SPD vergangenes Jahr in Bremen nur Zweite wurde. Gepaart mit dem Desaster bei der EU-Wahl hat die Wahl im kleinsten Bundesland am Ende der Parteivorsitzenden Andrea Nahles das Amt gekostet. So wie der SPD nach Bremen wird es der CDU nach Hamburg nicht ergehen. Aber auch nur aus dem einfachen Grund: Die
Parteichefin führt die CDU ohnehin nur noch auf Abruf.

Die CDU-Spitze will schnell Klarheit

Die Wahlniederlage in Hamburg ist daher nicht nur eine für die Hamburger Christdemokraten. „Es ist ein bitterer Tag für die CDU Deutschland“, sagt Generalsekretär Paul Ziemiak, als er schmalllippig knapp zwei Minuten lang am Sonntagabend vor die Presse tritt. In Hamburg mischt sich die Goßstadtschwäche der CDU mit der aktuellen Nachrichtenlage: „Die Ereignisse in und um Thüringen haben nicht geholfen, dass die CDU in Hamburg auf ihre Konzepte hinweisen konnte“, so Ziemiak. „Das war alles andere als Rückenwind.“

Entsprechend schnell wie Ziemiaks Statement dürfte die CDU diesen Wahlabend abhaken. Die Partei hat gerade größere Probleme. Wie geht es weiter in Thüringen und der umstrittenen Tolerierung einer rot-rot-grünen Landesregierung durch die CDU? Wie lässt sich im Bund eine noch größere Regierungskrise abwenden? Und vor allem: Wer soll die Partei demnächst führen?

Hamburger Bürgerschaftswahl – “Für uns hat es politisch gewittert”
CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg ist enttäuscht über das schlechte Ergebnis seiner Partei. Dafür sei auch das Handeln der CDU in anderen Bundesländern verantwortlich.
© Foto: Markus Scholz/dpa

Bloß nicht werden wie die SPD

Am Sonntagabend hat sich CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer im Konrad-Adenauer-Haus erneut mit einigen engen Vertrauten getroffen, darunter auch einige CDU-Ministerpräsidenten. Am Montagvormittag im Parteivorstand will sie bekannt geben, wie sie ihre Nachfolge regeln will: Soll es einen Sonderparteitag geben, und wenn ja, wann? Werden sich die Kandidaten wieder der Basis stellen müssen, etwa auf Regionalkonferenzen – oder kommt es gar zu einem Mitgliederentscheid?

Bislang hat sich außer dem Außenpolitiker Norbert Röttgen noch niemand offiziell beworben. Noch ist offen, ob sich am Montag gleich mit dem Verfahrensvorschlag der Parteichefin weitere Kandidaten erklären. Es wirkt zumindest so, als werde die CDU-Spitze langsam nervös. Jeder Tag, an dem weiter offen ist, wer nun wirklich kandidieren will, erhöht die Unsicherheit – was Wähler und Wählerinnen naturgemäß alles andere als schätzen. 

Die Erwartungen, speziell an Armin Laschet, endlich in die Offensive zu gehen, sind bei einigen in der Parteiführung groß. „Wir wissen ja nicht, wann die nächste Wahl stattfindet“, mahnt ein Präsidiumsmitglied an. Laschet ist der potenziell aussichtsreichste Kandidat für den Vorsitz, als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens führt er den größten Landesverband an, er ist stellvertretender Parteivorsitzender, gilt als Liebling des Merkel-Flügels.

Wann meldet sich Laschet?

Immer wieder blickt man in der CDU mit Schaudern auf den Koalitionspartner. Die monatelange Selbstbeschäftigung lähmte Partei und Regierungsarbeit gleichermaßen. Immerhin habe die eigene Parteichefin nicht einfach hingeschmissen und völliges Chaos hinterlassen, beruhigt man sich in der CDU. Und immerhin reden die noch unerklärten Kandidaten miteinander, die obendrein wenigstens nicht aus der dritten und vierten Reihe der Partei stammen, sondern bundesweit bekannt seien. Die komplette vergangene Woche lang hatte Kramp-Karrenbauer im Adenauer-Haus die Kandidaten einzeln zum Kaffee geladen.

Laschet soll offenbar weiterhin an einer Team-Lösung interessiert sein. Soll heißen: Er würde Parteichef und dann wahrscheinlich auch Kanzlerkandidat. Aber die beiden anderen potenziellen Bewerber, Gesundheitsminister Jens Spahn und Daueraspirant Friedrich Merz könnten an prominenter Stelle eingebunden werden. Wobei andere schon wieder die Erwartungen dämpfen. Team-Lösung könne im Zweifel auch einfach nur heißen: Einer tritt an und die anderen nehmen das ohne Murren hin. Am Ende müsse es doch immer einen geben, der Verantwortung trage, glaubt ein Mitglied der Parteispitze.

Denn ein Team zusammenzuschnüren könnte bedeuten, dass Merz ins Bundeskabinett aufrückt. Aber einfach einen Minister oder eine Ministerin rauszuwerfen, ist so gar nicht der Stil von Kanzlerin Angela Merkel. Das letzte Mal, dass sie einen Minister gefeuert hat, war übrigens im Jahr 2012: Nach seiner verpatzten NRW-Wahl musste Röttgen den Posten als Umweltminister aufgeben.

Dass es am Montag viel mehr geben wird als einen Zeitplan mit deadline, bis wann die Nachfolge von Kramp-Karrenbauer geregelt wird, bezweifeln deshalb einige an der Parteispitze. Armin Laschet, auf dessen Positionierung alle warten, war am Sonntagabend übrigens auch in Berlin. Aber nicht im Adenauer-Haus. Er hatte eine eigene Veranstaltung in der Landesvertretung von NRW.

Bürgerschaftswahl:
Hochrechnungen Hamburg-Wahl

  • Stimm­verteilung
  • Gewinne und Verluste
  • Wahlkreise



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