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Wirtschaft

Netzbetreiber müssen sich auf sinkende Renditen einstellen

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Strommast

Wer mit Stromnetzen Geld verdient, soll künftig weniger einnehmen können. Das plant die Bundesnetzagentur.

(Foto: dpa)

Berlin Die Betreiber von Strom- und Gasnetzen in Deutschland müssen mit sinkenden Renditen rechnen. Künftig wird der Eigenkapitalzins, der ihnen von der Bundesnetzagentur zugebilligt wird, voraussichtlich nur noch 4,59 statt 6,9 Prozent betragen. Das geht aus einem Schreiben von Bundesnetzagentur-Präsident Jochen Homann an die Mitglieder des Beirats der Agentur hervor, das dem Handelsblatt vorliegt.

Betroffen sind 900 Stromnetzbetreiber und 730 Gasnetzbetreiber. Die Branche hält den Einschnitt für ungerechtfertigt. „Wenn wir die Energiewende schaffen und dabei Schlüsselindustrien in Deutschland halten oder sogar neue ansiedeln möchten, ist auch der Netzausbau ein wichtiger Faktor“, sagte Eon-Vorstand Thomas König dem Handelsblatt. Es gelte nun, „ unsere Netze vorausschauend auszubauen“. Langfristig hätte es volkswirtschaftlich fatale Folgen, wenn notwendige Investitionen ausblieben, sagte König.

Ein rascher und umfassender Ausbau der Stromnetze gilt als entscheidend für den Erfolg der Energiewende. Fachleute rechnen vor, dass sich der Investitionsbedarf bis 2050 auf dreistellige Milliardenbeträge summiert. Nach Überzeugung der Netzbetreiber erfolgen die Investitionen nur dann, wenn attraktive Renditen erzielbar sind.

„Was nicht passieren darf: Eine extrem ambitionierte Energie- und Klimapolitik auf dem Papier, die an mangelhaften Rahmenbedingungen für die notwendigen Investitionen in Energienetze, erneuerbare Energien oder Speicher zerschellt“, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem Handelsblatt. „Die Bedingungen für den Aus- und Umbau der Energienetze müssen stimmen“, sagte sie. Eine Netzregulierung, die allein darauf ausgerichtet sei, die Kosten zu drücken, entziehe der Branche die Mittel zur Bewältigung der hohen Anforderungen.

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Olaf Lies, Vorsitzender des Beirats der Netzagentur und niedersächsischer Energieminister, unterstützt die Branche. „Vor uns liegt ein Jahrzehnt enormer Investitionen in die erneuerbaren Energien und vor allem in die Netze“, sagte Lies dem Handelsblatt. „Deshalb muss die Eigenkapitalverzinsung eine entsprechende Höhe haben.“

Entscheidung über zukünftigen Zinssatz noch nicht gefallen

Netzagentur-Präsident Homann lässt diese Argumente nicht gelten. „Es gibt Wirtschaftszweige, die mit viel größeren Unsicherheiten zurechtkommen müssen als die Strom- und Gasnetze“, sagte Homann dem Handelsblatt. Zudem seien Rekordinvestitionen in die Netze zu verzeichnen. „Grüne Investments und Investitionen in Netze sind für Kapitalgeber sehr attraktiv.“ Homann verwies auf die Kosten für die Allgemeinheit: „Die Eigenkapitalverzinsung der Netzbetreiber muss bezahlt werden, auch vom Mittelstand.“ Ausbau und Nutzung der Netze werden von den Stromverbrauchern bezahlt. Sie zahlen die Netzentgelte über die Stromrechnung.

Seinem Schreiben an die Beiratsmitglieder hat Homann eine drei Seiten umfassende Vorlage beigefügt. Darin wird der künftige Wert von 4,59 Prozent hergeleitet. Er setzt sich zusammen aus einem „Basiszinssatz“, der im Wesentlichen den Durchschnitt der Umlaufrenditen von festverzinslichen Inhaberschuldverschreibungen der vergangenen zehn Jahre widerspiegelt. Diese Rendite beträgt der Vorlage zufolge 0,74 Prozent.

Hinzu kommt als zweite Komponente ein „Wagniszuschlag“, der die Risiken des Netzgeschäfts abbildet. Er wird in der Vorlage mit drei Prozent beziffert. Aus Basiszinssatz und Wagniszuschlag ergibt sich ein Wert von 3,74 Prozent, der mit dem Steuerzuschlag von 1,226 multipliziert wird. Daraus errechnen sich die 4,59 Prozent. Der Steuerzuschlag berücksichtigt die Körperschaftsteuer und den Solidaritätszuschlag, die von den Unternehmen entrichtet werden müssen.

Homann betonte, eine Entscheidung über den künftigen Zinssatz sei noch nicht gefallen. Die Netzagentur werde zunächst im Juli ein Gutachten zur Bestimmung des Zinssatzes veröffentlichen. Die Festlegung soll im Herbst erfolgen. Brancheninsider verweisen darauf, dass in der Herleitung des Wertes von 4,59 Prozent bereits auf das Gutachten verwiesen werde. Es gebe kaum „Luft nach oben“.

Mehr: Tennet will Investitionen in die Energiewende verdoppeln.



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Wirtschaft

Wirtschaft: Deutschlands gefährliche Export-Strategie

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Berlin Deutschland ist wie kaum eine andere Industrienation abhängig vom Außenhandel – und deshalb besonders gefährdet durch protektionistische Tendenzen. Das belegen aktuelle Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem Handelsblatt vorliegen.

Die Kölner Forscher ermitteln für die Bundesrepublik eine Außenhandelsquote – das Volumen der gesamten Ein- und Ausfuhren gemessen am Bruttoinlandsprodukts (BIP) – von 88 Prozent. Im Mittel der in der Industrieländerorganisation OECD zusammengeschlossenen Staaten liegt der sogenannte Offenheitsgrad nur bei 59 Prozent. Allein Polen erreicht mit 106 Prozent einen höheren Außenhandelswert als Deutschland.

Staaten mit vergleichbarer Wirtschaftsleistung und ähnlich aufgebauter Industrie – wie Frankreich oder Großbritannien – weisen Außenhandelsquoten von 65 beziehungsweise 64 Prozent auf. Japan kommt nur auf 35 Prozent, in den USA sind es 26 Prozent.

Auf den ersten Blick ist das keine neue Erkenntnis. Deutschland hat kaum Rohstoffressourcen, ist also auf Importe angewiesen. Es werden mehr Waren und Dienstleistungen aus Deutschland exportiert, als sie eingeführt werden. Die hohe Exportquote war bereits vor vielen Jahren intensiv diskutiert worden. Inzwischen ist die Diskussion abgeebbt.

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Protektionistische Maßnahmen der weltgrößten Wirtschaftsmächte USA und China könnten nun der Debatte, ob Deutschland seine wirtschaftliche Entwicklung zu sehr vom Ausland abhängig macht, neue Nahrung geben.

Die USA halten an Maßnahmen fest, die die eigene Wirtschaft schützen und deutschen Exporteuren schaden. China wiederum koppelt sich von den Weltmärkten ab und reguliert Unternehmen so, dass ganze Wertschöpfungsketten in das Reich der Mitte verlegt werden.

Ihr hoher Offenheitsgrad mache die deutsche Volkswirtschaft verwundbar, konstatieren die IW-Forscher: „So macht die hohe Exportneigung abhängiger vom Absatz auf ausländischen Märkten.“ Auch in Zukunft drohe das deutsche Exportmodell durch Protektionismus, Abkoppelungstendenzen und höhere Unsicherheiten weiter unter Druck zu geraten.

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IW-Forscher Jürgen Matthes sieht Deutschland am Scheideweg. „Der weltweite Protektionismus nimmt nicht ab, er nimmt zu. Die Corona-Pandemie hat das noch verstärkt“, sagt der für internationale Wirtschaft und Konjunktur verantwortliche Ökonom. Während der Pandemie konnten Lieferketten nicht aufrechterhalten werden.

Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum warnt zudem davor, dass der deutsche Außenhandel durch weitere Infektionswellen auch kurzfristig wieder eingeschränkt werden könnte: „Viele für Deutschland wichtige Absatzmärkte wie Indien oder Brasilien leiden weiterhin erheblich unter Corona.“

Bislang scheint das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht allzu sehr einzuschränken. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung schon im dritten Quartal auf das Vorkrisenniveau zurückkehren könnte.

Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), befürchtet aber, dass die Abhängigkeit von ausländischen Märkten den Aufschwung schon alsbald wieder bremsen könnte. „Der Protektionismus baut sich gerade weltweit wieder auf. Für Deutschland mit seiner exportorientierten Industrie ist das ein besonders großes Problem“, sagt er.

Die nachgeholten Investitionen, die während der Corona-Hochphase ausgeblieben waren, würden diese Entwicklung noch überdecken. „Mittelfristig wird sich das aber ändern“, mahnt Dullien.

Besonders Abkopplung Chinas kann problematisch werden

Diese These stützen auch die Zahlen des IW sowie des Statistischen Bundesamts. Selbst wenn das Krisenjahr 2020 ausgeklammert wird, zeigt sich ein Rückgang deutscher Exporte in die wichtigsten Zielländer. Beispielsweise lieferte die deutsche Wirtschaft seit 2000 Jahr für Jahr mehr Waren und Dienstleistungen nach Russland aus – ausgenommen 2009 als Nachwirkung der Weltwirtschaftskrise.

Doch ab 2013 waren die Zahlen erst rückläufig und stagnierten zuletzt nahezu. Besonders drastisch zeigt sich diese Entwicklung im Handel mit China. Lagen die Wachstumsraten deutscher Exporte in die Volksrepublik in den Nullerjahren in der Regel zwischen zehn und 30 Prozent, betrug das Wachstum 2019 gegenüber dem Vorjahr bloß noch 3,2 Prozent.

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Die chinesische Abkopplungsstrategie ist die wohl größte Gefahr für das deutsche Exportmodell. Die asiatische Wirtschaftsmacht setzt gezielt Anreize, dass deutsche Firmen Beschäftigung, Wertschöpfung und Forschung dort ansiedeln anstatt in Deutschland. Und China setzt immer mehr auf eigene Produktstandards, was Exporte aus Europa erschwert.

Die chinesische Regierung wirbt zudem mit Subventionen, etwa in Form von günstigen Grundstücken oder Steuervorteilen. Eine Umfrage der Außenhandelskammer in China bestätigt: 72 Prozent der befragten in China ansässigen deutschen Unternehmen wollen dort mehr investieren.

Gleichzeitig verschärfen die USA die Gefahren für das deutsche Exportmodell. Die Aufmerksamkeit darauf mag seit dem Abgang von Ex-Präsident Donald Trump gesunken sein. Doch auch sein Nachfolger Joe Biden setzt weiterhin etwa auf Einfuhrzölle für Stahl und Aluminium.

Zudem hat die US-Administration eine Verschärfung ihres „Buy American“-Programms beschlossen. Bislang gilt die Regel, dass staatliche Stellen nur Waren kaufen dürfen, die zu mindestens 55 Prozent aus heimischer Produktion stammen. Dieser Anteil soll nun auf 60 Prozent und bis 2029 auf 75 Prozent steigen.

Reaktion der Politik gefordert

Das IW sieht nun Berlin sowie Brüssel am Zug und fordert eine Verschärfung der Anstrengungen für fairen Handel. Ökonom Matthes fordert eine Reform der Instrumente der Welthandelsorganisation (WTO) gegen Wettbewerbsverzerrungen. „Auch wenn China sich weiter dagegenstellen wird: Die EU muss da noch stärker gemeinsam mit den USA und anderen Marktwirtschaften aktiv werden“, sagt er.

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Das müsse auch die Bundesregierung verstehen und ihren Einfluss in Brüssel geltend machen: „Allein schon, um China hier stärker unter Druck zu setzen.“ Die EU solle zudem die Möglichkeit schaffen, den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen für ausländische Firmen einzuschränken, wenn deren Heimatstaat seine Märkte nicht ausreichend für EU-Unternehmen öffnet.

Andererseits vertreten manche Ökonomen auch die Ansicht, dass das deutsche Exportmodell grundsätzlich auf den Prüfstand gehöre. Schließlich sorge eine geringere Abhängigkeit von ausländischen Märkten für mehr Sicherheit in den Lieferketten.

Mehr: Deutschlands Wirtschaft ist zurück auf Wachstumskurs – doch Risiken bleiben



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Geldanlage: Investments in Broker und Handelsplattformen: Wette auf eine anhaltende Kursrally

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Die Aktienkurse europäischer Broker sind zuletzt zum Teil regelrecht explodiert. Wie es weitergeht, hängt vor allem von der Börsenentwicklung ab.



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Ralf Thomas: Siemens Finanzchef im Interview

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München Die neue Siemens-Strategie wurde an den Kapitalmärkten verhalten aufgenommen. Vor allem die Umstellung des Geschäfts mit Industriesoftware vom Lizenzverkauf auf ein Mietmodell gilt unter Investoren als heikel. „So eine Transformation ist in der Tat eine große Herausforderung, daran haben sich andere verhoben“, räumte Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas im Interview mit dem Handelsblatt ein. „Wir haben großen Respekt davor.“

Am Ende werde die Akzeptanz der Kunden entscheiden, das Modell auch zu nutzen. Siemens habe aber bessere Voraussetzungen als andere, die sich mit der Umstellung schwertaten.

Mit seiner im Juni vorgestellten Strategie will Siemens in wenigen Jahren an den Börsen die höhere Bewertung einer Tech-Aktie erzielen. „Wir sind ein wachsendes Unternehmen, aber wir sind noch keine Wachstumsaktie“, sagte Thomas. „Dafür muss man drei, vier Jahre liefern.“

Der neue Siemens-Konzernchef Roland Busch hat angekündigt, die Softwareaktivitäten des Konzerns stark auszubauen. Dazu will Siemens bei der Industriesoftware, wo die Münchener Marktführer sind, auf ein „Software-as-a-Service“-Modell (SaaS) umstellen. Software soll dabei bevorzugt nicht per Lizenz verkauft, sondern vermietet werden.

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Die Ausgangsvoraussetzungen seien im Vergleich gut, erklärt Thomas. So sei bei Siemens nur ein Viertel des Geschäfts der digitalen Industrien betroffen. „Das ist bei reinen Softwarekonzernen anders.“ Zudem liefen die Geschäfte der Sparte derzeit gut, und man kenne die Bedürfnisse der Kunden sowohl aus der Sicht der Industrieautomatisierung als auch der Softwareperspektive.

Thomas bekräftigte, dass Siemens trotz der erwarteten zwischenzeitlichen Einbußen während der Umstellung die Margenziele für die digitalen Industrien nicht senken wird. Zur Frage, ob dies im Umkehrschluss bedeute, dass die Ziele erhöht werden, sobald die Umstellung abgeschlossen ist, sagte er: „Der implizite Schluss ist richtig.“ Er wisse aber noch nicht, wie die Situation dann aussehe.

Siemens legt in dieser Woche die Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahrs vor. Mit Verweis auf die Quiet Period wollte sich Thomas nicht dazu äußern. Er sagte aber: „Der Markt ist für uns nicht erkennbar anders geworden im Verlauf des dritten Quartals.“ Bei Risiken wie Materialverfügbarkeit und Lieferketten sei die Luft in den letzten Monaten für alle am Markt dünner geworden. Da seien nicht alle so gut durchgekommen wie Siemens.

Trotz der weltweiten Chipknappheit hält es Thomas für richtig, dass Siemens seit der Abtrennung von Infineon keine eigene Halbleiterproduktion mehr hat. „Wir haben uns in der Historie dagegen entschieden, und das war klug“, sagte er. Der neue Siemens-Konzern habe eine sehr stabile Struktur. Halbleiterunternehmen seien dagegen sehr zyklisch. „Es ist nicht unser Investitionsschwerpunkt, hohe Schwankungsrisiken ins Haus zu holen.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Thomas, seit Verkündung der neuen Strategie ist der Siemens-Aktienkurs eher abgebröckelt. Sind die Ziele nicht ehrgeizig genug oder versteht der Kapitalmarkt die neue Strategie nicht?
Wir haben nicht den großen Strategieschwenk verkündet. Es wäre für Longtimer wie Roland Busch und mich, die schon lange dabei sind, auch ungewöhnlich, wenn wir plötzlich ein weißes Kaninchen aus dem Hut zaubern würden.

Aber die Resonanz war sehr zurückhaltend.
Wir haben sehr viele wichtige Aspekte adressiert. Das muss erst einmal verdaut werden. Solide Arbeit, die Quartal für Quartal liefert, ist besser als das große Feuerwerk, das zunächst gut klingt und dann nicht so schön aussieht, wenn es abgebrannt ist. Am Ende zählt die Umsetzung.

Liegt die Zurückhaltung der Investoren auch daran, dass Sie bei der Industriesoftware vom Lizenzverkauf auf ein „Software-as-a-Service“-Mietmodell umstellen? Damit haben sich selbst große Softwarekonzerne wie SAP schwergetan.
So eine Transformation ist in der Tat eine große Herausforderung, daran haben sich andere verhoben. Vielleicht haben einige dabei unglückliche Zeitfenster erwischt oder die Kundenkommunikation nicht optimal gestaltet. Am Ende entscheidet die Akzeptanz der Kunden, das Modell auch zu nutzen.

Und wie sieht es da bei Siemens aus?
Wir haben großen Respekt davor. Ich kenne jede einzelne Migration von Autodesk bis SAP.

Und was haben Sie daraus gelernt?
Unsere Ausgangsvoraussetzungen sind gut. Das Ganze ist in ein Geschäft eingebettet, das seit vielen Jahren sehr erfolgreich ist: Digital Industries. Wir kennen zudem die Bedürfnisse unserer Kunden aus zwei Perspektiven, aus der Industrieautomatisierung und von der Softwareseite. Das gibt uns einen besseren Einblick, wer zu welchem Zeitpunkt welche Angebote benötigt. Und bei uns ist weniger als ein Viertel des Geschäfts bei Digital Industries betroffen. Das ist bei reinen Softwarekonzernen anders.

Wie ist denn die Resonanz bei Ihren Kunden?
Es gibt manche, die sagen: „Her damit!“ Andere warten erst einmal ab. Doch es lohnt sich.

Was hat der Kunde denn davon, wenn er jeden Monat für seine Software zahlen soll?
Der Kauf einer Softwarelizenz ist heute auch ein Risiko. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass in den Jahren nach dem Lizenzerwerb disruptive Innovationen entstehen. Software kann also schnell überholt sein, bevor die Lizenz ausgelaufen ist. Dieses Risiko gibt es bei einem SaaS-Modell nicht. Hinzu kommen zahlreiche Vorteile, gerade für kleinere und mittlere Unternehmen, wie niedrigere Eintrittsbarrieren, geringere Cash-Abflüsse und gesteigerte Innovationskraft mit kürzeren Intervallen bei neuen Releases. Ich bin deshalb sicher: Es wird gut angenommen werden.

Die Umstellung wird die Margen in der Digitalsparte erst einmal drücken.
Ja, wir rechnen mit Auswirkungen von bis zu 200 Basispunkten im ersten Jahr, die Marge von Digital Industries kann also um zwei Prozentpunkte niedriger ausfallen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich aber auch mehr Basispunkte schlucken, wenn es dafür schneller gehen würde, und wir nach einem Jahr durch wären. Aber das ist kein Wunschkonzert.

Könnte die Umstellung denn den Konzern insgesamt ausbremsen?
Wir haben ein starkes Rating, eine betonfeste Bilanz und einen hohen Cashflow aus anderen Geschäften. Wir können weiter Dividende zahlen, Aktien zurückkaufen und in Zukunftstechnologien investieren. Das war bei den anderen Umstellern womöglich teilweise anders.

Siemens strebt Tech-Bewertung an

Sie haben trotz des negativen Einflusses der Einstellung die Margenvorgaben für Digital Industries nicht gesenkt. Heißt das im Umkehrschluss: Sobald die Umstellung durch ist, werden die Gewinnziele für Digital Industries erhöht?
Der implizite Schluss ist richtig. Ich kann jetzt aber nicht Ja sagen, weil ich nicht weiß, wie die Situation dann aussieht.

Und dann werden Sie irgendwann ein echtes IT-Unternehmen sein und von der Börse auch so bewertet werden?
Es ist unser Ziel, uns in diese Riege einzureihen. Wir sind ein wachsendes Unternehmen, aber wir sind noch keine Wachstumsaktie. Dafür muss man drei, vier Jahre liefern.

Und wie weit sind Sie schon?
Wir sind auf dem Weg, eine Tech-Bewertung zu erzielen. In den Kurszielen der Analysten, die derzeit im Schnitt bei 164 Euro liegen, steckt schon ein bisschen Tech mit drin. Der mutigste Analyst glaubt, dass wir in zwei Jahren bei 200 Euro sind. Wenn das gelänge, würde ich sagen: Wir haben den Schritt geschafft.

Apropos Tech: Überall herrscht Chipmangel. Hätten Sie gern eine eigene Chipproduktion? Infineon hat ja mal zu Siemens gehört …
Ein klares Nein. Wir haben uns in der Historie dagegen entschieden, und das war klug. Der neue Siemens-Konzern hat eine sehr stabile Struktur. Halbleiterunternehmen sind dagegen sehr zyklisch. Es ist nicht unser Investitionsschwerpunkt, hohe Schwankungsrisiken ins Haus zu holen.

Dass es bei Siemens derzeit gut läuft, liegt auch daran, dass Sie die Problembereiche in die Siemens Energy ausgelagert haben. Da gab es zuletzt eine Gewinnwarnung.
Zunächst einmal: Siemens Energy ist ein eigenständiges Unternehmen, an dem wir noch beteiligt sind. Ich bin da im Aufsichtsrat mit besonderen Sorgfaltspflichten. Aber es macht niemandem Freude, was da jüngst passiert ist. Am meisten ärgert es das Managementteam selbst und man wird garantiert nicht auf halbem Weg stehen bleiben.

Aber heißt es nicht dennoch für Sie: Nichts wie raus?
Nein. Unsere Rationale war von Anfang an, dem Unternehmen Siemens Energy etwas Welpenschutz mitzugeben. Dazu gehörte, dass wir Ankerinvestor auf Zeit sind. Zudem erbringen wir weiter bestimmte Infrastrukturleistungen wie beispielsweise bei der IT. Und dann gibt es Garantien für historische Projekte. Das läuft alles genau so, wie wir es gesagt haben. Die Entflechtung geht wie geplant weiter – und das hängt nicht nur vom Aktienkurs ab. Wir haben da eine ruhige Hand.

„Babylonische Sprachverwirrung“ beim Thema Nachhaltigkeit

Bei Verkündung der neuen Strategie haben Sie auch das Nachhaltigkeitsprogramm „Degree“ verkündet. Mal ehrlich: Haben die Nachhaltigkeitsthemen für den Kapitalmarkt wirklich eine Relevanz?
In den letzten beiden Jahren war das Thema von Corona etwas überlagert. Das Momentum kommt aber wieder. Jeder große Fonds achtet auf Nachhaltigkeitskriterien, es gibt grüne Bonds. Doch darunter versteht jeder etwas anderes. Es herrscht eine babylonische Sprachverwirrung.

Wie kann man das ändern?
Wir brauchen für die Kapitalmärkte einheitliche Kriterien für Transparenz. Nehmen wir einmal einen Rußdetektor: Ist der böse, weil er in ein Kohlekraftwerk eingebaut wird, oder ist er gut, weil er hilft, es sauberer zu machen? Es ist wichtig, dass es Standards gibt, die nachprüfbar sind und Sicherheit geben. Einen Weltstandard zu entwickeln wird nicht einfach werden. Die Politik muss sich Zeit nehmen und alle Beteiligten mit einbeziehen.

Zum Schluss noch die Frage: Wie laufen die Geschäfte? Am Donnerstag legen Sie Quartalszahlen vor.
Zu den Zahlen kann ich in der Quiet Period natürlich nichts sagen. Wir stellen aber fest: Der Markt ist für uns nicht erkennbar anders geworden im Verlauf des dritten Quartals. Bei Risiken wie Materialverfügbarkeit und Lieferketten ist die Luft in den letzten Monaten für alle am Markt dünner geworden. Da sind nicht alle so gut durch das Wetter gekommen wie wir bislang. Aber es wäre hochmütig zu sagen: Das kann uns nicht passieren.

Herr Thomas, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Roland Busch treibt die Transformation von Siemens voran: „Wir werden immer mehr Software verkaufen“



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