verbinde dich mit uns: uacentr@gmail.com

Geschaeft

Nach Hanau: Warum das Umlenken im Kampf gegen Rechtsterror viel zu spät kommt

Avatar

Veröffentlicht

auf

[00:00:07] Yasemin Yüksel Willkommen zu Stimmenfang, dem Politik-Podcast vom SPIEGEL. Ich bin Yasemin Yüksel. Auch Tage nach dem rassistischen Anschlag in Hanau hallt die Tat nach. Für die Angehörigen und Freunde der neun Ermordeten wird das Gefühl von Verlust und Trauer wohl nie aufhören. Bei einer Mahnwache vor Ort sagte die Cousine von einem der Todesopfer:

[00:00:27] Angehörige eines Opfers Sein Tod oder der Tod von vielen Menschen soll einfach nicht umsonst gewesen sein. Ich appelliere wirklich an die Politiker, dass da einfach härtere Maßnahmen getroffen werden.

[00:00:40] Yasemin Yüksel Was unternehmen Politik und Behörden in Deutschland jetzt nach dem Anschlag von Hanau? Das ist mein Thema in dieser Folge von Stimmenfang und ich habe meinen Kollegen Wolf Wiedmann-Schmidt eingeladen. Er leitet das Team „Innere Sicherheit“ hier im SPIEGEL-Hauptstadtbüro. Hallo, Wolf.

[00:00:53] Wolf Wiedmann-Schmidt Hallo.

[00:00:53] Yasemin Yüksel Wolf, die Kanzlerin hat in ihrer ersten Reaktion nach der Tat in Hanau vom „Gift Rassismus“ gesprochen.

[00:00:59] Angela Merkel Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift, und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft, und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen: von den Untaten des NSU über den Mord an Walter Lübke bis zu den Morden von Halle.

[00:01:18] Yasemin Yüksel Was sie nicht gesagt hat, ist, wie ein Gegengift gegen diesen Hass aussehen kann. Was meinst du? Haben Politik und Behörden im Augenblick überhaupt irgendeinen Plan, was sie gegen die steigende rechtsterroristische Bedrohung tun wollen?

[00:01:30] Wolf Wiedmann-Schmidt Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass die Gegenreaktionen zu spät kam. Sie hat angefangen, also sie hat nach Halle und nach dem Mord an Walter Lübke angefangen. Sie hat in Teilen auch schon ein bisschen davor eingesetzt. Aber um diesen ganzen Boden, den man da verloren hatte seit 2015, würde ich spätestens sagen, wiedergutzumachen, ist es eigentlich zu spät. Und das ist auch ein Teil der Schwierigkeit. Man kann nicht so schnell das zusätzliche Personal einstellen, das man hat. Man kann nicht so schnell eine Priorität umswitchen und sich einen Bereich vornehmen, den man dann genauso ernst nimmt und durchleuchtet wie vorher den Islamismus. Das heißt, ich würde sagen, an vielen Stellen wird jetzt von Politik und Behörden das Richtige gemacht. Aber es kommt halt leider ein bisschen zu spät.

[00:02:13] Yasemin Yüksel Auf der gemeinsamen Pressekonferenz, einen Tag nach der Tat in Hanau, haben der Innenminister Horst Seehofer, die Justizministerin Christine Lambrecht einhellig sozusagen nochmal betont: Ja, die Bedrohung ist sehr real.

[00:02:24] Horst Seehofer (Innenminister) Wir haben eine sehr hohe Bedrohungslage von rechts.

[00:02:28] Christine Lambrecht (Justizministerin) Rechtsterrorismus ist die größte Gefahr für unsere Demokratie.

[00:02:32] Horst Seehofer (Innenminister) Die Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus ist in Deutschland sehr hoch.

[00:02:41] Yasemin Yüksel Das heißt, es gibt ein Problembewusstsein – ohne Zweifel. Aber warum kommt das so spät?

[00:02:46] Wolf Wiedmann-Schmidt Gute Frage. Auffällig war tatsächlich, dass sowohl Herr Seehofer als auch Frau Lambrecht so deutlich gemacht haben, dass sie Rechtsextremismus als die größte Bedrohung momentan sehen für unser Land. In der Deutlichkeit haben das zwei Minister auf einer Pressekonferenz noch nie ausgesprochen. Wenn man ernsthaft beantwortet, warum dann nicht so viel passiert ist oder möglicherweise nicht genügend passiert ist, dann muss man wahrscheinlich schon einmal ganz genau anschauen, warum das möglicherweise der Fall war. Und da kommt man auf verschiedene Punkte. Ich würde sagen zum einen, dass tatsächlich 2015/2016 durch die Anschläge, die islamistischen, in Paris, Brüssel, Berlin…

[00:03:31] Einspieler Nachrichtensendungen Good evening, we start with a breaking news out of Paris and what it at least at this moment looks like a city under terror attacks at different fronts. Heute Morgen waren in Brüssel mehrere Sprengsätze explodiert. 34 Menschen sind dabei getötet worden. In Berlin ist am Abend ein Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt gerast.

[00:03:43] Wolf Wiedmann-Schmidt Diese ja nicht erfundene, sondern reale Gefahr des Islamismus, damals so im Mittelpunkt stand, dass man leider vergessen hat, den Rechtsextremismus auch entschieden anzugehen. Weil damals gab es ja schon die deutlichen Anzeichen, die Gewalttaten und die Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte sind deutlich gestiegen.

[00:04:02] Einspieler Nachrichtensendungen Randalierende Neonazis im sächsischen Ort Heidenau, in der sächsischen Stadt Freital, in Clausnitz, in der sächsischen Stadt Bautzen.

[00:04:09] Wolf Wiedmann-Schmidt Und das hätte damals schon dazu führen müssen, dass da wirklich auch einen Schwerpunkt daraufgelegt wird. Das ist leider versäumt worden, und man fragt sich natürlich tatsächlich: Kann ein Land nicht in der Lage sein, die eine Bedrohung ernst zu nehmen und die andere genauso ernst zu nehmen?

[00:04:23] Yasemin Yüksel Glaubst du, dass in dem Zusammenhang auch von Bedeutung war, dass ein Mensch wie Hans-Georg Maaßen jahrelang den in dieser Zeit, von der jetzt gerade gesprochen hast, also die Jahre 2015, so eine wichtige Behörde wie den Verfassungsschutz geleitet hat.

[00:04:36] Wolf Wiedmann-Schmidt Also zumindest in dem Jahr, als Chemnitz war, hat er eine unselige Rolle gespielt. In dem Zusammenhang um Chemnitz herum war jedem klar, dass etwas Neues passiert. Das war aus seiner eigenen Behörde damals klar, dem Verfassungsschutz. Dort haben sich sozusagen Rechtsextreme, Neonazis, Hooligans bis hin zu dem Spektrum der AfD und der Neuen Rechten, und ich sage jetzt mal den Wutbürgern auf der Straße, zusammengefunden – und da hat sich was zusammengebraut.

[00:05:01] Einspieler Nachrichtensendung Die Ausschreitungen nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes in Chemnitz sind von Bundes- und Sächsischer Landesregierung scharf verurteilt worden. Stimmungsmache und Hetze von rechts würden nicht geduldet, hieß es.

[00:05:13] Wolf Wiedmann-Schmidt Und in der Situation ist es natürlich verheerend, wenn sich ein Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz hinstellt und nichts Besseres zu tun hat, als tage- und wochenlang darüber zu reden, ob jetzt, wenn rechtsradikale Migranten hinterherrennen, ob das jetzt irgendwie eine Hetzjagd ist oder nicht, oder ob das nur ein Nachstellverhalten ist – während jeder merken musste, dass sich dort eine neue Qualität der Bedrohung durch Rechte und Rechtsextremismus entwickelt in Chemnitz. Und spätestens da ein Riesenproblem, dass ein Behördenleiter vollkommen am eigentlichen Thema vorbeiredet.

[00:05:45] Yasemin Yüksel Nach deiner Einschätzung: Können die Behörden in Deutschland denn diese verlorene Zeit überhaupt wieder aufholen? Heißt das denn perspektivisch, dass wir im Kampf gegen rechtsterroristische Bedrohung jetzt auf mittelfristig immer hinterherhinken?

[00:05:58] Wolf Wiedmann-Schmidt Immer vielleicht nicht, aber es wird auf jeden Fall noch ein bisschen dauern. Nehmen wir mal ein Beispiel: Jetzt gibt’s ein Gesetz gegen Hetze und Hasskriminalität im Netz.

[00:06:06] Christine Lambrecht (Justizministerin) Verschwörungstheorien, wie sie offensichtlich vom mutmaßlichen Täter vertreten werden, sind der Nährboden, der Hass sich entwickeln lässt, der dann zu solchen Taten führt. Und deswegen ist es mir ganz wichtig gewesen, dass ich am Mittwoch im Bundeskabinett ein Gesetz eingebracht habe, das genau an diesen Nährboden rangeht – genau da ran, an Volksverhetzung.

[00:06:32] Wolf Wiedmann-Schmidt Das soll jetzt bekämpft werden mit einer eigenen Zentralstelle im BKA, die dann von den Anbietern entgegennimmt dann, irgendwelche Tweets oder Postings, die volksverhetzend sind oder Morddrohungen oder was auch immer dann runterfällt, unter das neue Gesetz. Diese Leute dort, mehrere hundert Leute einzustellen, diese Einheit überhaupt aufzubauen, das wird noch relativ lange dauern. Das wird alles dieses Jahr nichts mehr. Das wird dann möglicherweise so eine Art Testlauf dieses Jahr schon geben. Aber so richtig an Start gehen, kann das wahrscheinlich erst im nächsten oder übernächsten Jahr.

[00:07:02] Yasemin Yüksel Das heißt aber doch Wolf, während die Behörden versuchen müssen, aufzuholen, was sie versäumt haben – da steht ja die Zeit nicht still. Wie es denn momentan überhaupt die Entwicklung zahlenmäßig bei den sogenannten Gefährdern, also denjenigen, denen die Ermittler schwere Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zutrauen, so die Definition. Wie ist da aktuell der Stand?

[00:07:21] Wolf Wiedmann-Schmidt Da gibt momentan eine Zahl, die liegt bei so um die 60, die lag 2016 noch bei 22. Und man muss einfach sagen: Auch damals gab es schon deutlich mehr gewaltbereite oder möglicherweise auch gefährliche Rechtsextremisten, denen man einen Anschlag zutraut. Diese Zahl wird jetzt noch deutlich steigen, weil die Polizei, die ganzen Landeskriminalämter werden jetzt ihre ganzen Gefährder sozusagen nachmelden oder anmelden. Das heißt, diese Zahl wird erwartbar steigen. Es war aber auch schon eine ziemlich lange Zeit klar, dass die zu niedrig liegt im Vergleich zum Islamismus.

[00:07:55] Yasemin Yüksel Und wenn diese Zahl der rechten Gefährder also noch steigen wird, perspektivisch, dann gibt es ja außerdem noch diejenigen wie beispielsweise den Hanauer Attentäter, die da gar nicht mitgezählt werden, weil sie der Polizei überhaupt nicht bekannt sind. Der BKA-Chef Holger Münch hat auf der Pressekonferenz nach Hanau von solchen Tätern auch gesprochen.

[00:08:12] Holger Münch (Leiter des BKA) Das große Problem sind die Täter, die quasi ohne Strukturen zur Tat schreiten, quasi nur durch eine Verbindung im Netz in entsprechenden Kommunikationsräumen und dann die identifizieren die mögliche Täter sind – das ist die große Herausforderung. Das ist auch der Typus, den wir in Halle hatten – hier noch gekoppelt, offensichtlich nach ersten Einschätzungen, mit einer schweren psychotischen Krankheit.

[00:08:37] Yasemin Yüksel Der BKA-Chef spricht hier von Tätern ohne Strukturen. Heißt das, dass die Behörden in den Fällen wirklich chancenlos sind?

[00:08:44] Wolf Wiedmann-Schmidt Sie sind zumindest in Teilen darauf angewiesen, auf Hinweise aus dem Umfeld oder auf Hinweise von Nutzern im Netz, die so etwas erkennen und bemerken. Natürlich können sie oder müssen sie auch versuchen, in diese Räume vorzudringen. Ob das jetzt irgendwie diese Foren sind, diese Imageboards, ob das Plattformen sind wie „Steam“ oder „Discord“ oder „8chan“ oder wie diese Plattformen alle heißen. Allerdings ist es einfach nicht so leicht, dort überhaupt herauszufinden, wer dort kommuniziert. Also wenn da jemand möglicherweise Hinweise darauf gibt, dass er etwas plant, dass er eine Tat vorbereitet, kann man versuchen, dem nachzugehen, und es müssen die Behörden auch. Aber wenn man ehrlich ist, sind Täter wie die in Hanau und auch in Halle tatsächlich nicht so einfach zu erkennen. Und da würde man auch irgendwie lügen, wenn man sagen würde, das wird in Zukunft alles verhindert werden. So ein Versprechen kann ernsthafte Weise niemand abgeben.

[00:09:36] Yasemin Yüksel Wolf, du bist von Berufswegen ab und zu in diesen Foren unterwegs. In was für einer Welt schaust du da?

[00:09:42] Wolf Wiedmann-Schmidt Die Foren, ob das jetzt an mir auf „vk“ ist, was ja auch so eine Plattform ist, die recht beliebt ist bei Rechtsextremen – dort findet man natürlich alles, vor allen Dingen ganz viele zynische, menschenverachtende Bilder, auf denen dann eben ganz oft irgendwie Migranten, Flüchtlinge zu sehen sind, die verhöhnt werden, über die die übelsten Sprüche gemacht werden. Auch Witze über meinetwegen den toten Flüchtlingsjungen am Strand. Das ist schon alles abgrundtief und zynisch und menschenverachtend. Bei den Imageboards, in denen der Täter von Halle unterwegs war, da sind sozusagen die Verschwörungstheorien oder die Welten, in denen er sich bewegt hat, zum einen viele rassistische Verschwörungstheorien, aber auch ganz viel oft Frauenverachtung und Frauenfeindlichkeit. Man merkt schon, dass es oft junge Männer sind, die offenkundig auch wirklich massive Probleme haben, irgendwie mit Frauen umzugehen oder vielleicht auch in ihrem Leben noch nie eine Freundin hatten. Und ihren Hass dann auch entwickeln, sowohl auf Migranten als auch auf Frauen und all das. Das nimmt da wirklich eine gefährliche Mischung an.

[00:10:44] Yasemin Yüksel Der Grüne Cem Özdemir hat wenige Stunden nach der Tat in Hanau ein Video geteilt auf Facebook und auf Twitter. Ich will uns mal ein Stück daraus vorspielen.

[00:10:52] Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) Ich will, dass 2020 in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eingeht, als das Jahr, wo wir endlich angefangen haben, Ernst zu machen mit dem entschiedenen Kampf gegen die rechtsradikale Gefahr und Herausforderung, und zwar online wie offline. Ich will, dass das Gerede von den Einzeltätern, die es halt hie und da mal so gibt, ein Ende hat, dass wir die Strukturen zerschlagen und alles dafür tun, dass dieser Sumpf trockengelegt wird.

[00:11:18] Yasemin Yüksel Wie falsch ist deiner Meinung nach diese reflexhafte Rede von Einzeltätern?

[00:11:22] Wolf Wiedmann-Schmidt Das ist eine Debatte, die jedes Mal aufs Neue geführt wird. Ich würde sagen, wenn man Einzeltäter jetzt erst mal als Kategorie fast, ob jemand alleine die Tat begangen hat oder in einer Gruppe von Leuten – dann macht die Unterscheidung ein Stück weit noch Sinn. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass jeder Einzeltäter, jeder einzelne Wolf, was ja auch so ein Begriff ist, der immer wieder verwendet wird, eingebettet ist in Umfeld und vor allen Dingen im virtuellen Raum, in ein Umfeld eingebettet ist, dort seine Verschwörungstheorien aufsaugt, sein Weltbild bestätigt bekommt, sodass, wenn man es genau nimmt den wirklichen Einzeltäter ja eigentlich dann nie gibt.

[00:12:01] Yasemin Yüksel Das heißt es geht um isoliert agierende Täter, die aber in einem gesellschaftlichen Zusammenhang stehen. Und der sieht in unserem Land eben so aus, dass die AfD regelmäßig Hetze anfeuert. Oder ein ganz praktisches Beispiel für Alltagsrassismus in Deutschland, wenn du, Wolf Wiedmann-Schmidt und ich, Yasemin Yüksel, wenn wir beide uns auf eine Wohnung bewerben, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du sie bekommst, wesentlich höher. Welche Mitverantwortung trägt also etwa die AfD, auch wenn sie in Hanau logischerweise nicht den Abzug gedrückt hat?

[00:12:29] Wolf Wiedmann-Schmidt Genau so würde ich das sehen. Das Klima, das entstanden ist in den letzten Jahren, das hat die AfD mitgeprägt, ein Klima von Hass und von Hetze. Und natürlich fühlt sich jemand ermutigt, dann selber zur Tat zu schreiten – ob das in der Halle ist, ob das jetzt in Hanau ist, ob das der Mord auf Walter Lübke war. Ich würde jetzt nicht sagen, die AfD hat dort geschossen oder mitgeschossen, aber sie muss sich schon die Frage stellen, was sie dazu beigetragen hat zur Spaltung dieses Landes, zur Hetze und zum Hass, der entstanden ist. Und um diese Verantwortung kann sie sich nicht drücken.

[00:12:58] Yasemin Yüksel Jetzt haben wir gesprochen darüber, wie schwierig für die Behörden das Aufspüren, des Ermitteln gegenüber solchen isoliert agierenden Tätern ist. Wenige Tage vor der Tat in Hanau ist den Behörden ein Schlag gelungen. Es wurde eine mutmaßlich rechte Terrorzelle, die sogenannte „Gruppe S“, zerschlagen.

[00:13:16] Einspieler Nachrichtensendungen Der Generalbundesanwalt hat zwölf mutmaßliche Rechtsextremisten festnehmen lassen. Nach der Inhaftierung von mutmaßlichen Mitgliedern und Unterstützern einer rechten Terrorzelle sind weitere Details bekannt geworden. Die Männer sollen Anschläge auf Politiker und Muslime geplant haben.

[00:13:33] Yasemin Yüksel Wolf, kannst du etwas dazu sagen, was für Menschen das sind, die Mitglieder in dieser mutmaßlich mutmaßlichen rechten Terrorzelle? Was für einen Hintergrund haben die?

[00:13:40] Wolf Wiedmann-Schmidt Bemerkenswert bei der „Gruppe S“ ist, wie ich finde, aus welchen unterschiedlichen Milieus sie sich zusammensetzt. Da gibt es Leute, die kommen aus so rechten, rechtsextremen Bürgerwehren. Andere sind eher so Reichsbürger, die in diesem Hintergrund verortet sind. Dann gibts andere, die haben sich ja auch schon teils in der klassischen rechtsextremen Szene bewegt. Und dann sind aber auch Leute dabei, die ja eher so normale bürgerliche Berufe haben – ein Betreiber einer Metallfirma in Baden-Württemberg und zum Beispiel auch ein Mitarbeiter, ein Verwaltungsmitarbeiter der Polizei in Hamm in Nordrhein-Westfalen. Und das ist schon bemerkenswert und auch bedenklich, dass sich so eine Gruppe da zusammenfindet und offenbar wirklich Anschläge ins Auge gefasst hat auf Moscheen in mehreren Bundesländern.

[00:14:26] Yasemin Yüksel Welche Ziele konkret verfolgten die Mitglieder dieser Gruppe?

[00:14:29] Wolf Wiedmann-Schmidt Es gab Hinweise, dass sie sich getroffen haben und besprochen haben, dass man doch Moscheen angreifen soll – möglicherweise zehn Mann/zehn Bundesländer oder alternativ Zweimannkommandos in fünf verschiedenen Orten zuschlagen –, dass man dafür irgendwie Geld sammelt, zusammenwirft, jeder gibt Geld, und zwei sollten dafür verantwortlich sein, angeblich, Waffen zu beschaffen. Tatsächlich hat man zum Teil auch schon scharfe Waffen gefunden dann bei den Durchsuchungen, auch zum Teil selbstgebaute Waffen, ähnlich wie sie der Attentäter in Halle benutzt hat. Das ist jetzt nicht so, dass das alles so beruhigend ist. Auch zum Beispiel selbstgebaute Handgranaten wurden dort gefunden, alle möglichen Äxte und Armbrust, Messer. Die hatten sich zum Teil doch schon ausgestattet mit einem Arsenal an Waffen. Und zumindest der Verdacht besteht, dass sie das durchaus ernst gemeint haben.

[00:15:20] Yasemin Yüksel Und kannst du nochmal schildern, woran liegt es, dass den Behörden in solchen Fällen durchaus auch Ermittlungserfolge gelingen – anders als bei einem Attentäter wie beispielsweise in Hanau?

[00:15:28] Wolf Wiedmann-Schmidt Eine Gruppe zu bemerken und auszuheben, scheint zumindest doch jetzt häufiger gelungen zu sein. Es gab ja mehrere Festnahmen, es gab mehrere Gruppen: „Revolution Chemnitz“, die „Gruppe Freital“, jetzt die „Gruppe S“. Irgendwann bekommt man möglicherweise mit, dass sie sich vernetzen, dass sie sich austauschen, dass sie sich treffen. Das haben in dem Fall die Behörden mitbekommen, zum Teil über Hinweise von einem Informanten, der offenbar im Innern dieser Gruppe war. Dann gab es Telefonüberwachungen, dann wurden zum Teil auch E-Mails abgefangen und am Ende auch Treffen observiert. Und bevor es möglicherweise zu Anschlägen kam oder zu einer konkreten Planung von Anschlägen auf Moscheen, haben die Behörden dann zugegriffen. So dass es eigentlich mal so ein Fall, wo man sieht, dass so klassische Ermittlungen erfolgreich sein können, wenn man dieses ganze Spektrum deutlicher durchleuchtet, was offenkundig den letzten Monaten passiert ist.

[00:16:23] Yasemin Yüksel Wolf, ich denke zum Schluss noch eine weitere Aussage vom Bundesinnenminister. Der hat einen Tag nach dem Anschlag in Hanau auf dieser Pressekonferenz, aus der wir jetzt schon mehrfach etwas gehört haben, auch noch gesagt:

[00:16:33] Horst Seehofer (Innenminister) Trotz aller menschenmöglichen Anstrengungen können wir nicht vollkommen ausschließen, dass solche furchtbaren Taten geschehen.

 

[00:16:43] Yasemin Yüksel Ohne Zweifel kann niemand ausschließen, dass Verbrechen geschehen. Aber dennoch Wolf als letzte Frage: Was muss jetzt schnellstmöglich passieren?

[00:16:50] Wolf Wiedmann-Schmidt Ich fürchte fast, dass solche „Das-und-das-muss-man-tun-und-alles-wird-gut“-Versprechen nicht seriös sind. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Sicherheitsbehörden sagen: Okay, wir stocken diesen Bereich noch einmal auf, es gibt mehr Personal. Es gibt vielleicht auch zusätzliche Befugnisse, die man noch braucht. Vor allen Dingen müssen die Sicherheitsbehörden in der Lage sein, solche neuen Phänomene besser zu analysieren und besser zu antizipieren. Das Selbstverständnis, vor allen Dingen des Verfassungsschutzes, ist ja, ein Frühwarnsystem zu sein für die Demokratie. Leider hat man im letzten Jahr angemerkt, dass der Verfassungsschutz insgesamt die Sicherheitsbehörden diesen Entwicklungen hinterhergehinkt sind. Spätestens mit Christchurch/Neuseeland hat man ja gemerkt, was sich da zusammenbraut auch über diese Imageboards und Foren, wie sich diese Täter gegenseitig international anstacheln, wie sie sich befruchten, wie sie sich inspirieren. Ehrlich gesagt, hätte man das auch vorher schon wissen können mit Breivik und dem, was danach passiert ist. Auch der Täter in München, damals beim Olympia-Einkaufszentrum, der ja auch eine rassistische Einstellung hatte und zumindest in Teilen auch ein rechtsextremes Motiv bei seinen Taten mit dabei war. All diese neuen Phänomene hätte man früher auch schon mit aller Kraft sozusagen ernst nehmen können und müssen und diese ganzen Orte, an denen die Radikalisierung heute stattfindet, durchleuchten. All das passiert jetzt, aber man muss jetzt versuchen, den verlorenen Boden gutzumachen.

[00:18:13] Yasemin Yüksel Ich hoffe sehr, dass das gelingt. Danke für deine Einschätzung heute, Wolf, danke.

[00:18:15] Wolf Wiedmann-Schmidt Danke.

[00:18:22] Yasemin Yüksel Das war Stimmenfang, der Politik-Podcast vom SPIEGEL. Die nächste Folge hören Sie wie immer ab nächsten Donnerstag auf spiegel.de, bei Spotify, Apple Podcasts oder in eingängigen Podcast-Apps. Wenn Sie uns schreiben wollen, weil Sie Feedback, Anregungen oder einen Vorschlag haben, dann mailen Sie uns gern an stimmenfang@spiegel.de oder Sie schicken uns eine WhatsApp Sprachnachrichten an die 040 380 80 400. Nochmal: 040 380 80 400. Diese Folge wurde produziert von Matthias Kirsch und mir, Yasemin Yüksel. Bei der Produktion hat mich Maike Gomm unterstützt, und ein Dankeschön geht außerdem an Philipp Fackler, Lena Jessen, Johannes Kückens, Matthias Streitz und Philipp Wittrock. Die Musik kommt wie immer von Davide Russo.



Quelle

Weiterlesen
Klicken Sie, um zu kommentieren

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Geschaeft

Coronavirus: Sind Vitamine ein Mittel gegen Covid-19? Der Faktencheck

Avatar

Veröffentlicht

auf

von


„Andererseits steht der Nachweis aus, dass die Gabe von Vitamin D das Pneumonie-Risiko senkt beziehungsweise einen therapeutisch günstigen Effekt hat.“

Santiago Ewig, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Infektiologie, Thoraxzentrum Ruhrgebiet

Mehr zum Thema



Quelle

Weiterlesen

Geschaeft

Corona: Risiken der Hilfspakete • DW Wirtschaft • Podcast •

Avatar

Veröffentlicht

auf

von



Düstere Konjunkturprognose in Krisenzeiten +++ Anti-Deutschen-Stimmung in Italien wegen Coronabonds +++ Abrechnung mit der Deutschen Bank

Bitte besucht die offizielle Website des Podcasts:
http://www.dw.com/de/themen/wirtschaft/s-1503?maca=de-podcast_wirtschaft-1687-xml-mrss

Quelle

Weiterlesen

Geschaeft

„Pokémon Go“ in der Corona-Krise: Jetzt müsste es „Don’t Go“ heißen

Avatar

Veröffentlicht

auf

von

Die Coronakrise stellt auch die Videospielwelt auf den Kopf: Seit vier Jahrzehnten als eine Bewegungsmangel und Vereinsamung befördernde Zeitverschwendung geschmäht, werden Games jetzt sogar von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als lebensrettende Maßnahme beschworen. WHO-Botschafter Ray Chambers jedenfalls zeigte sich dieser Tage begeistert über die Verbreitung der „Social Distancing“-Botschaft durch Spieleunternehmen wie Activision Blizzard oder Riot Games. Sie hatten eine Kampagne namens #PlayApartTogether gestartet.

Für eines der wenigen Spiele, das in den letzten Jahren immer wieder ausdrücklich für seine gesundheits- und sozialkontaktfördernden Effekte gelobt wurde, werden die Verhaltensregeln rund um die Pandemie allerdings zum Problem. „Pokémon Go“ lebt schließlich davon, dass seine Spielerinnen und Spieler sich besonders viel im öffentlichen Raum bewegen. Dass sie sich zusammenfinden, um gegeneinander anzutreten oder in großen Gruppen auf „Raids“ zu gehen – was bedeutet, dass Fans des Spiels in Klassenstärke gemeinsam gegen extrem starke, seltene Pokémon kämpfen.

Empfehlungen wie „Zuhause Bleiben“ und Kontaktverbote erschüttern die Grundlagen der Spielmechanik.

Schnelle erste Reaktion

Bei Niantic ahnten die Entwickler schnell, was auf sie zukommt: Auf das Anwachsen der Covid-19-Fallzahlen außerhalb Chinas reagierten die kalifornischen „Pokémon Go“-Betreiber früher als manche Regierungen.

Schon am 12. März – damals wollte man sich in Deutschland noch nicht zu flächendeckenden Schulschließungen durchringen – kam es zu ersten Änderungen im Spiel. Der für das folgende Wochenende geplante, monatliche „Community Day“, der mit dem zeitlich begrenzten Auftreten besonderer Pokémon-Farbvarianten stets besonders viele Spieler ins Freie lockt, wurde auf unbestimmt verschoben.

Zudem verringerte Niantic die Notwendigkeit ausgiebiger Bewegung im Freien: Eier, die durchs Zurücklegen einer bestimmten Distanz ausgebrütet werden, schlüpfen mittlerweile nach halb so viel Kilometern und Pokémon erscheinen häufiger und in größerer Artenvielfalt. Und das Rauch-Item, mit dem Monster in die Nähe des Spielers gelockt werden, wurde kurzzeitig im spieleigenen Shop verschleudert: Ein 30er-Paket gab es zum symbolischen Preis von einer Pokémünze.

Als Relation: Normalerweise werden für einen einzigen Rauch 40 Einheiten der virtuellen Währung fällig – und pro Tag lassen sich im Spiel nur 50 Pokémünzen verdienen. Wer mehr benötigt, kauft sie für echtes Geld, wobei je nach Höhe der Investition etwa 0,75 bis 1 Cent je Münze fällig werden.

Ungebrochener Erfolg

Obwohl sich der mediale Hype um das Spiel schon lange gelegt hat, ist „Pokémon Go“ für Niantic noch immer eine Goldgrube. Auch dreieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung investieren die Nutzer kräftig in das Mobilspiel – im vergangenen Jahr sogar mehr denn je. Laut den App-Analysten Sensor Tower generierte die grundsätzlich auch gut kostenlos spielbare App 2019 einen Gesamtumsatz von satte 894 Millionen US-Dollar – und damit mehr als in den Jahren zuvor. 38 Prozent davon kamen aus den USA, 32 Prozent aus Japan. Deutschland folgte mit sechs Prozent Anteil am Umsatz auf Platz drei.

Die Popularität des Spiels in genau diesen Ländern könnte auch der Grund dafür sein, warum in der Woche nach den ersten Corona-Änderungen der Umsatz von „Pokémon Go“ massiv anzog statt einzubrechen. Mit Verweis auf Sensor-Tower-Zahlen berichtete die US-Seite „Venture Beat“ von einer 67-prozentigen Steigerung des Wochenumsatzes auf 32 Millionen Dollar, bezogen auf die Woche vom 16. März.

In jener Woche waren in den USA und Japan noch keine offiziellen Lockdown-Regelungen in Kraft, in Deutschland gewöhnte man sich nur langsam an die Couch-Quarantäne. Mehr verfügbare Zeit mit wenig werdenden Aktivitätsangeboten im Freien, diese Kombination könnte den Umsatz befeuert haben – erst recht zusammen mit Niantics Anpassungen in Sachen Brutdistanz und Monstervielfalt.

Veränderungen werden kommen

Doch bei Niantic, die mit „Ingress“ und „Harry Potter: Wizards Unite“ weitere standortbasierte Apps betreiben, weiß man, dass in den kommenden Wochen wohl noch erheblich deutlicher am Spielprinzip gedreht werden muss als bisher.

„Echtwelt-Abenteuer von zu Hause aus erleben“ ist ein aktueller Blog-Post von Gründer und Chef John Hanke überschrieben, der sich mit den Herausforderungen für Hankes Unternehmen und dessen Games beschäftigt. Die „DNA“ der Niantic-Spiele wird in jenem Post mit den Begriffen „Erforschen und Bewegen“ beschrieben.

An einer exakten Antwort auf die Corona-Situation arbeitet Niantic demnach noch, der Blogpost umreißt aber bereits geplante Änderungen:

  • So soll die vom Nutzer geforderte Bewegung auch durch sportliche Betätigung in den eigenen vier Wänden erbracht werden können

  • An Raids mit Freunden wird man auch von zuhause aus teilnehmen dürfen

  • Und auch das Erkunden von Orten sowie große Live-Events sollen von der Außen- in die virtuelle Welt verlegt werden (kommende Safari-Zone-Großveranstaltungen wurden bereits auf unbestimmt verschoben).

All diese Änderungen sollen aber nur eine Alternativlösung für Spieler sein, die sich nicht frei in ihrer Umgebung bewegen können. Denn „Pokémon Go“ soll in einer Post-Pandemie-Zukunft wieder das Spiel sein, das virtuelles Monstersammeln mit Bewegung und Begegnungen verquickt. „Wenn die Welt dafür bereit ist“, schreibt John Hanke, „werden auch wir bereit sein.“

Icon: Der Spiegel



Quelle

Weiterlesen

Trending

//ofgogoatan.com/afu.php?zoneid=2954224
Auch auf dieser Seite werden Cookies verwendet. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Das ist für uns wichtig, denn unser Angebot finanziert sich über Werbung. Die Nutzung der Seite gilt als Zustimmung zur Cookie-Nutzung.
Accept