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Matthias Brandt in „Mein Name sei Gantenbein“: Biografie

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Die Frage nach Identitäten prägt viele zeitgenössische Debatten und die individuelle wie gesellschaftliche Selbstreflexion unserer Gegenwart. Wer bin ich? Was genau bin ich? Wie sehr prägt mein Sein mein Bewusstsein? Und vice versa? Was ist mein wahres Ich, und wann spiele ich nur eine Rolle? Wie sehr beeinflusst der Blick der anderen auf mich mein Denken, Fühlen, Handeln, mein Ich-Sein, mein gesellschaftliches Sein. Und wer, was und wie viele andere noch bist eigentlich du? Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ bereits 1964 viele dieser Fragen durchdekliniert. Matthias Brandt kehrt nun nach 20 Jahren auf die Theaterbühne zurück, um Frischs Gantenbein/Enderlin/Svoboda in die Berliner Gegenwart zu holen.

„Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

Ausgangspunkt in Max Frischs Roman ist ein Verlust. Der Erzähler wurde von seiner Frau verlassen, die gemeinsamen Möbel stehen noch in der Wohnung, sind aber bereits abgedeckt. „Alles noch vorhanden, nur die Zeit ist weg“, heißt es bei Frisch. Weil die Realität in seiner grausamen Direktheit und unveränderlichen Wucht manchmal zu erdrückend, zu groß für ein einzelnes Herz oder Hirn ist, bleibt manchmal nichts anderes, als sich als Subjekt aus der objektiven Situation zu stehlen. „Einmal klingelt‘s tatsächlich. Ich mache auf. Der Herr meines Namens ist verreist.“ Ich ist ein anderer, auch hier. Das Individuum, dem Namen nach unteilbar, spaltet sich auf in mehrere Ichs. Das ist das Thema bei Frisch, einer der berühmtesten Sätze des Romans, kann als Motto stehen: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

Der Erzähler greift in den vollen Kleiderschrank seiner Phantasie. „Ich stelle mir vor“, heißt einer seiner Leitsätze. Er stellt sich einen Mann vor, der nach einem Autounfall vorgibt, erblindet zu sein, und der so lange eine glückliche Ehe führt, bis er seinen Schwindel zugibt und sich die Sicht der Dinge ändert. Sein Name sei Gantenbein. Er stellt sich einen Mann vor, der einen Ruf nach Harvard erhält, aber wegen einer Liebe zögert, und der dann meint, todkrank zu sein. Sein Name sei Enderlin. Und er stellt sich einen Mann vor, dessen Frau ihn mit eben jenem Felix Enderlin betrügt. Sein Name sei Svoboda. Alle drei Männer kreuzen sich in diesen Illusionen in der Person der Schauspielerin Lila. Biografie wird zum Spiel, zum Gedankenspiel.

Die Schatten des eigenen Ich: Matthias Brandt auf der Bühne des Berliner Ensemble. © Quelle: Gerald Matzka/dpa

Frischs Text ist ein kunstvolles Weben mit diesen einzelnen Fäden, die sich mal verknoten, mal verlieren, die mal wiederaufgenommen werden, die ihre Farbe wechseln, ausfransen können und fesseln. Womit wir beim Problem dieses Theaterabends: Diese Komposition von Ich-Entwürfen, dieses Kunst-Flechtwerk eignet sich nur bedingt als weit zurückgekürzte Bühnenmonologfassung. Frischs besondere Sätze, die sich im Roman aus den einzelnen Geschichtenentwürfen immer wieder erst langsam herausschälen, werden hier wie ein Feuerwerk präsentiert: „Es gibt keine Hoffnung gegen die Zeit.“ „Ihr kennt eure Körper, wie man seine Möbel kennt.“ „Einander nicht zu kennen in einem Grad, der alles Kennen können übersteigt, ist schön.“ „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ All der feine Frisch-Humor, das Leise und Lockere im Wechsel mit der Schwere mancher Erkenntnisse, die einnehmende Größe dieses Romans, all das ist schlichtweg nicht auf gut eineinhalb Stunden einkürzbar.

Mal leise, mal voller Wut: Solodarsteller Matthias Brandt. © Quelle: Gerald Matzka/dpa

Dass die Inszenierung dennoch zu einem prächtigen Theaterabend wird, ist Matthias Brandt zu verdanken. Der 60-Jährige hat lange Zeit als „Polizeiruf“-Kommissar in München Fälle gelöst, war zuletzt in Bjarne Mädels Regiedebüt „Sörensen hat Angst“ zu sehen und hat zwei viel beachtete Erzählbände verfasst. Nun kehrt er nach 20 Jahren Bühnenabstinenz zurück ans Theater. Brandt ist damit anfangs ein doppelt Suchender. Anfangs scheint er noch seinen Platz auf der Bühne erkunden, ihm nachspüren zu müssen, was gut zum suchenden Erzähler, den er gibt, passt. Mit der Zeit spielt sich Brandt dann immer mehr in die verschiedenen Rollen, in die Identitäten seiner Personen. Er spricht mal leise und unsicher, mal erbricht er seine Wut und seine Angst, mal begegnet er irritiert der Gefahr, dass die Phantasiefiguren und die Erzählungen, die er sich erfindet, von ihm Kontrolle ergreifen.

Abgerundete Bühnenbox erinnert an Science-Fiction

Die eineinhalb Stunden, die Oliver Reese als Monologform angelegt hat, agiert Brandt in einer abgerundeten Box, die im Design an den Science-Fiction-Film „Tron Legacy“ und in der Perspektive an einen Tunnel oder eine Unterführung erinnert (Bühnenbild: Hansjörg Hartung). Frischs Erzähler ist in dieser Inszenierung Herr in einem Haus ohne Ecken und Kanten. In diesem Guckkasten sind Schubladen und Schranktüren eingebaut, aus denen Brandt allerlei Accessoires wie Blindenbrille, Blindenstock, Anzüge, Alkohol holt, die er nach und nach in den Orchestergraben schmeißt. Dort unten muss es am Ende des Abends so unaufgeräumt aussehen wie in einem gelungenen Leben. Umrandet wird die Box von Neonleuchten, die immer wieder die Farbe wechseln. Im Laufe der Zeit kommen noch zwei weitere Neonlichtrahmen im hinteren Teil der Bühne hinzu. Das erinnert sehr stark an die Lichtgestaltung von Ulrich Rasches „König Ödipus“ ein paar Schritte weiter am Deutschen Theater.

In Brechts Theater: In der Guckkastenbühne finden sich zahlreiche Schubladen und Türen. © Quelle: Gerald Matzka/dpa

Am Ende dieser so sehr in die Gegenwart passenden Identitätssuche, die durch die zurückhaltende Musik von Jörg Gollasch begleitet wird, feiert das Publikum den Hauptdarsteller und die Inszenierung. Es dankt wild applaudierend und zum Teil sogar stehend einem großen Schauspieler, der an diesem Soloabend Sätze anprobiert hat wie Kleider. Sie haben ihm gepasst. Sein Name ist Brandt.

„Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch in einer Fassung von Oliver Reese. Mit Matthias Brandt. Weitere Aufführungen am 18., 19., 23., 24. und 25. Januar sowie im Februar.



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Heinz Rudolf Kunze über Musik in der Pandemie: „Die Depression ist monumental“

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Als er abnimmt, hat Heinz Rudolf Kunze gerade den Sonntagmorgenspaziergang mit seinem Hund hinter sich gebracht. Entspannt ist der Sänger, Liedermacher, Rockmusiker im Gespräch trotzdem kein bisschen am Telefon – eher gereizt bis zornig. Corona mache es Künstlern zu Beginn des dritten Jahres der Pandemie immer noch schwer bis unmöglich, ihren Beruf auszuüben, die Politik reagiere „tapsig“. Bezüglich der „Querdenker“- und Impfgegnerszene sieht Kunze eine allgemeine Entsolidarisierung: „Die Gesellschaft wird atomisiert.“

Herr Kunze, die Popmusik steht am Beginn des dritten Corona-Jahres. Wie geht es Ihnen?

Wenn Sie es wirklich wissen möchten, möchte ich auch nichts beschönigen. Es geht mir, und ich glaube, da spreche ich jetzt mal wirklich für alle Kollegen, sehr schlecht. Wenn ich nicht so eine heldenhafte Ehefrau hätte, die mich immer wieder rettet und mir erklärt, warum ich morgens aufstehen muss, dann wäre ich vermutlich schon 100 Kilometer tief in der Depression versunken.

Was macht Ihnen das Aufstehen so schwer?

Die Lage. Wir sind ja überhaupt nicht weiter. Seit zwei Jahren erklärt man uns, es wird besser, und es wird nicht besser. Alle handelnden und verantwortlichen Personen in der Politik, der Medizin und der Wissenschaft tappen offensichtlich im Dunkeln, so scheint es jedenfalls gelegentlich. Die Politik kann sich nicht aufraffen, konsequent gegen Impfgegner vorzugehen – was ich sehr bedauere. Weil in Deutschland ja jedes entschlossene Handeln sofort mit Hitler verwechselt wird.

Wie meinen Sie das, Herr Kunze?

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben alle deutschen Politiker eine panische Angst davor, durch jedwedes entschlossene Handeln, auch wenn es notwendig sein sollte, in Totalitarismusverdacht zu geraten. Man denke nur an die entsprechenden Anwürfe, die sich Helmut Schmidt gefallen lassen musste, als er die Flut in Hamburg bekämpft hat und es wagte, ohne Genehmigung die Bundeswehr einzusetzen. Und so diskutiert man also mit diesen Idioten, die unsere Gesellschaft spalten und das gedeihliche Zusammenleben behindern.

Das klingt sehr zornig.

Weil die Zeit drängt. Vor ein paar Tagen habe ich einen Aufsatz von einem Mediziner gelesen, der gesagt hat, er mag sich noch gar nicht vorstellen, welche gesundheitlichen Schäden diese Zeit für die gesamte Gesellschaft bringt – dass Operationen aufgeschoben werden, dass Leute nicht mehr zur Vorsorge gehen, ihre Krankheiten nicht mehr richtig beachten aus Angst, eine Arztpraxis aufzusuchen. Abgesehen von Covid‑19 kommt da noch eine Lawine von Krankheiten auf uns zu.

Und die Künstler können weiterhin nicht auftreten.

Mein Beruf, das muss ich nicht erklären, ist so betroffen wie kaum ein anderer. Ich habe schon vor anderthalb Jahren gesagt, bald werde von uns nur noch die Hälfte da sein – der Rest werde Taxi fahren oder an der Tankstelle arbeiten. Ich kenne solche Fälle bei Musikern, die vor drei Jahren noch bei den größten deutschen Künstlern auf der Bühne standen. Und weitere Musiker, die ich gut kenne und die noch jung genug sind, denken darüber nach, ihren Beruf, den sie lieben, aufzugeben und was anderes zu lernen. Die Depression ist monumental.

Sie sind produktiv in vielen Bereichen, schreiben auch Bücher und Musicals. Und haben schon immer einen gewaltigen Songoutput. Haben Sie sich in der Zeit noch stärker aufs Liederschreiben verlegt?

Ich bin gerade dabei, mein nächstes Album fertigzumachen. Ich habe geschrieben wie ein Irrer, bin also gewiss nicht verstummt. Mein Ausstoß erhöht sich von Jahr zu Jahr. Und die Menge an Texten, die ich nicht vertonen kann, wächst ins Unermessliche. Ich werde eine riesige Portion an Texten hinterlassen, wenn ich nicht mehr lebe – woran sich gern andere Menschen abarbeiten können. Ich könnte derzeit wahrscheinlich 200 Songs allein über Corona veröffentlichen. Das werde ich tunlichst bleiben lassen, denn ich glaube, das will keine Sau hören.

Ich denke, es wäre schon von Interesse, diese seltsame Zeit in Liedern wiederzufinden.

Sie werden auf meinem nächsten Album natürlich schon hören, wie gereizt mich das alles macht. The Clash sind dagegen die Regensburger Domspatzen. (lacht)

Sie waren vor Corona zuweilen mit zwei Bands und obendrein noch solo unterwegs. Wie schwer war die Konzertvollbremsung durch die Pandemie für Sie?

Wir wollen ehrlich sein. Richtig gelähmt mit totaler Funkstille war ich nur sieben Monate lang. Dann konnte ich zumindest meine Solokonzerte – unter zum Teil drastischen Hygienemaßnahmen – wieder machen. Ich erinnere mich dabei an Kirchenkonzerte, die ich gab, bei denen die Leute in der Kirche mit sieben Meter zueinander Abstand saßen, und draußen vor der Kirche war eine Kneipe, in der die Menschen einander ohne Maske auf dem Schoß saßen und sich geknutscht haben. Gestern habe ich in Greven vor 400 Leuten gespielt – alle maskiert. Also: Im Alleingang ging einiges, mit Band nicht. Meine große Jubiläumstournee zu meinem 40. Bühnenjubiläum ist zweimal verschoben worden. Jetzt liegt sie auf April und Mai 2022 – und ob sie stattfinden kann, weiß niemand. Ich hoffe …

Wie ist Ihr im November erschienenes Album „Werdegang“ mit Neueinspielungen älterer Songs entstanden?

Ich bin quer durch Deutschland gereist – nach Hamburg, Berlin, Mannheim, Stuttgart – und habe mit vielen verschiedenen Produzenten gearbeitet. Das habe ich mir nicht nehmen lassen. Virtuelle Dateienverschickung – das hasse ich. Ich will vor Ort sein und mit den Leuten reden. Und das habe ich getan. Und festgestellt: Unter Kollegen geht die Depression bis zum Grund des Meeres. Ich habe so etwas noch nie erlebt – es ist in unserem kriegsfreien Leben die schlimmste Katastrophe.

Das Gefühl einer alles abschnürenden Enge.

Ja. Und das eine ist: Man hat keinen Sündenbock, man kann es keinem vorwerfen. Das andere: Die Politik reagiert so tapsig, planlos und verwirrt. Ich habe vor ein paar Tagen einen Songtext geschrieben, ich weiß noch nicht, ob ich den zum Song machen werde, aber darin heißt es ungefähr: „Als ich ein kleiner Junge war, habe ich immer gedacht, ich werde gut regiert / das sind alles kluge Leute, die sich um mich kümmern.“ Ich fühlte mich geborgen bei Willy Brandt und Helmut Schmidt und sogar bei Franz Josef Strauß und Herbert Wehner. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, die sind alle viel doofer als ich und wissen überhaupt nicht, wo’s langgeht.

Wo geht’s denn lang?

Ich weiß es ja auch nicht. (lacht)

Hatten Sie Angst vor Corona? Mit 65 Jahren gehören Sie ja auch zu der Gruppe, die besonders vor schweren Covid‑19-Verläufen gewarnt wurde.

Ich hatte niemals Angst. Ich habe mich sofort impfen lassen, auch ein zweites oder drittes Mal. Und davor auch nicht. Ich lebe ja – wenn ich nicht auf Tour bin – mit meiner Frau sehr zurückgezogen. Wir sind eigentlich Eremiten. An unserem privaten Leben hat sich durch die Pandemie kaum etwas geändert: Wir lesen gerne, wir hören gerne Musik, wir sehen gerne fern. Wir sind keine Partygänger. Der einzige Unterschied war: Früher durften wir so leben, heute mussten wir so leben. Und wenn man das muss, wird es manchmal blöde. Aber die entscheidende Problemebene war schon der Beruf.

Wobei man bei Künstlern wie Ihnen, die im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt sind, erst mal denkt: Na ja, finanziell braucht der sich keine Sorgen zu machen.

Das stimmt nicht. So viel Geld habe ich nicht. Das wird überschätzt. Klar, wenn man an die wenigen Schwerverdiener unserer Zunft wie Peter Maffay, Udo Lindenberg oder Helene Fischer denkt – die können auch noch zehn Jahre Pause machen. Aber alle anderen denken: Kann ich das noch ein Jahr überstehen?

Und ganz existenziell wird es für die Techniker oder Roadies …

Die technischen Helfer, von denen wir so abhängig sind, trifft es am allerschlimmsten. Bei denen kommt auch kein Gema-Geld rein wie bei uns Songschreibern. Viele arbeiten inzwischen bei Sicherheitsfirmen. Auch mein kluger Manager Matthias Winkler weiß nicht, was im April bei unserer Tour auf uns zukommt. Nachdem so viele den Beruf gewechselt haben, haben wir wenig Personal für live. Kommen die zurück? Ich kaue mir auf den Nägeln herum und frage mich das jeden Tag.

Wie erklären Sie sich diesbezüglich die überraschend große Menge an Impfunwilligen in Deutschland, die die Pandemie in die Länge ziehen?

Gestern habe ich gehört, dass 25 Prozent der Deutschen noch nicht geimpft sind. Unglaublich. Es gibt natürlich immer einen Bodensatz von Subproletariat, von Idioten, die keine Meldung erreicht. Dazu kommen die Verschwörungsidioten und das andere geistige Proletariat der Rechtsextremen. Ich fürchte, diese Situation kommt von den neuen Medien und dem ganzen Schwachsinn, der sich darin breitmacht. Ich nenne das mal den „Virus Trump“, der auch in unserem Land langsam um sich greift.

Tatsächlich sind deren Narrative vom Virus als – zum Beispiel – erfundenes Mittel für die „Merkel-Diktatur“ und die „Scholz-Diktatur“, um das Volk zu kontrollieren, so abstrus und vernunftfern, dass man sie für Comedy halten könnte.

Es gibt einen schönen Satz, den ich neulich gelesen habe: „200.000 Leute krakeelen in unserem Land: ‚Wir leben in einer Diktatur!‘ Würden wir in einer Diktatur leben, würden sie nicht krakeelen, dann wären diese 200.000 wahrscheinlich verschwunden.“

Diese Szene, die inzwischen von rechts durchwirkt und zum Teil angeführt wird, gefällt sich mit Symbolen, die die Nazis ihren Opfern aufzwangen, oder mit einem Selbstverständnis des Widerständlers gegen das System. Manche nähen sich einen gelben Stern auf den Mantel, auf dem „Ungeimpft“ steht, und eine Jana aus Kassel sah sich bei einer „Querdenker“-Demo allen Ernstes in der Tradition von Sophie Scholl, der hingerichteten Widerständlerin gegen den Nationalsozialismus.

Das liegt an der Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte, dass jeder Abitur machen darf und geistig nichts mehr von den Menschen verlangt wird. Wir sind intellektuell offenbar auf dem geraden Weg in eine Neosteinzeit. Das ist meine größte Sorge überhaupt: die grassierende von unserem Bildungssystem mitverschuldete Verblödung der Menschheit. Die Leute wissen immer weniger und sind deswegen immer anfälliger für Schwachsinn.

Das Pochen auf die eigene Freiheit, den Impfgang nicht zu gehen, beinhaltet auch das zutiefst asozial erscheinende Verhalten, für andere das Risiko eines schweren Verlaufs oder sogar des Todes einzugehen.

Es hat eine Entsolidarisierung der Gesellschaft stattgefunden. Das ist der Wahnsinn des Identitären – jeder soll seine Identität feiern, soll einzeln sein, besonders und speziell. Das ist das Gegenteil, was Martin Luther King gesagt hat, dass alle Menschen gemeinschaftlich in Frieden zusammenleben sollen. Die Gesellschaft wird atomisiert. Warum? Keine Ahnung?

Sind Sie für eine Impfpflicht?

Ich bin sogar radikal für eine Impfpflicht. Und sehr enttäuscht über die zögerliche Haltung der deutschen Politik. Man könnte ja auch mal von Österreich lernen, ohne gleich einzumarschieren.

Hat die Pandemiezeit Sie verändert? Hat Sie das seelisch geprägt, sind Sie zynischer geworden?

Warten Sie mal das nächste Album ab. (lacht) Als Mensch verändert? Ich bin sehr deprimiert – wie viele Menschen. Und ich glaube, dass es nicht nur daran liegt, dass ich inzwischen 65 bin, dass ich keine Fernsehnachrichten mehr ertrage. Ich lese weiterhin meine Zeitung, aber die „Tagesschau“, dieses Bombardement aus schlechten Meldungen, halte ich nicht aus.

Worauf setzen Sie für das Jahr 2022?

Auf das, was Martin Heidegger am Ende seines Lebens gesagt hatte – auf einen Gott, den es nicht gibt, den es aber geben müsste.

Heinz Rudolf Kunze (65) gehört seit den Achtzigerjahren zu den bekanntesten Songwritern der deutschsprachigen Pop- und Rockmusik. Die Karriere des 1956 geborenen Sängers und Musikers begann 1980 mit dem Sieg beim Pop-Nachwuchs-Festival in Würzburg in der Sparte „Folk, Lied, Song“. 1981 veröffentlichte Kunze sein Debütalbum „Reine Nervensache“. Mit dem Album „Dein ist mein ganzes Herz“ und dem zugehörigen gleichnamigen Top-Ten-Hit wurde er 1985 einem breiten Pop- und Rockpublikum bekannt. Im November 2021 veröffentlichte der Musiker das Doppelalbum „Werdegang“ mit neuen, zum Teil deutlich veränderten Einspielungen älterer Songs. Kunze hat zwei Bands, die rockigere „Verstärkung“ und die akustische „Räuberzivil“, zu deren Klangfarben Folk, Country, Americana zählen. Er hat eine Tochter und einen Sohn und ist in zweiter Ehe verheiratet.



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Ensemblewettbewerb 2022 der Dresdner Hochschule für Musik

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Die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden (HfMDD) setzt seit zwei Jahren Hygienekonzepte mit dem Ziel um, ihr Angebot an Lehr- und Forschungsveranstaltungen aufrechtzuerhalten. Vieles fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, doch jetzt können Veranstaltungen wieder besucht werden (2G+). Anders als 2021 (Streaming) konnte der Ensemblewettbewerb nun vor Publikum im Konzertsaal ausgetragen werden, was Rektor Axel Köhler besonders freute.

Aus einem wurden drei

Zur Kontinuität des Wettbewerbes gehört eine Ständige Jury (Vorsitz: Ulrike Siedel), die sich alle Wettbewerbsteilnehmer anhört, sie beginnt aber schon bei der Stiftung der Preisgelder. Aus ursprünglich einem Preis waren drei geworden: Zum Kammermusikpreis des Fördervereins der HfMDD kam der Stifterpreis eco (Echo) von der BASF Schwarzheide. Sie zog sich als Träger allerdings zurück. Ersatz fand die Hochschule beim Ehepaar Hella und Peter Schmidt, das zuvor bereits den Stifterpreis Klassik ins Leben gerufen hatte und dafür sorgte, dass auch der eco erhalten blieb. Somit können sich wieder drei Ensembles aus unterschiedlichen Kategorien über ein Preisgeld von je 2000 Euro freuen (maximal 500 Euro pro Person).

Spielen im kleineren Ensemble enorm wichtig

Nicht nur Solisten und Orchestermitglieder wolle die Hochschule ausbilden, sagt Axel Köhler, neben diesen Schwerpunkten sei das Spielen im kleineren Ensemble enorm wichtig im Berufsleben eines Musikers. Der Wettbewerb soll dafür eine Anregung sein.

Dem stellten sich in diesem Jahr 16 Formationen, die ein eigenes Programm von (1. Runde: 20 Minuten, 2. Runde: 30 Minuten) entwerfen mussten. Die überzeugendsten Beiträge wurden am Sonntag in einer Matinee ausgezeichnet. Das Esdi Streichquartett (Jiho Kang und Seungwoo Choi/Violine, Hyelin Yun/Viola und Jaehun Lee/Violoncello) präsentierten Schostakowitschs Streichquartett Nr. 3 mit unnachahmlicher Verve, arbeiteten dialogische und fugierte Passagen heraus und fanden zu einem stimmigen Ensembleklang. Dabei hatten sie wegen einer Coviderkrankung nur eine minimale Vorbereitungszeit gehabt! Für die feine Leistung erhielten sie den Stifterpreis Klassik.

Das Esdi Streichquartett erhielt den den Stifterpreis Klassik.
Quelle: Hyelin Yun

Dass auch Liedinterpret und Begleiter ein Ensemble sind, weiß man an der HfMDD. Schließlich bildet sie auch Korrepetitoren aus. Das Liz Duo (Sujin Lee/Sopran und Seulgi Lee/Klavier) bewies mit sieben frühen Liedern von Alban Berg, wie tief Gesang und Begleitung verbunden sein können, wenn Vibrato und Piano dosiert eingesetzt werden, und wie geschlossen solch ein zyklisches Werk klingen kann.

Reboot the Mood warteten mit Performance auf

Über den eco-Stifterpreis durfte sich Reboot the Mood (Laurin Köller/Trompete, Gabriel Gutierrez/ Piano, Neil Richter/Bass, Moritz Grosch/Schlagzeug, Philipp Adam/Gitarre) freuen. Bei Jazzformationen ist manches anders: Oft tragen sie eigene Werke vor („Yugi“ und „Solace“), etwas Choreographie der Bewegungen gehört ebenso zum Auftritt bzw. zur Performance. Und dass sich Laurin Köller während des Stücks ans Publikum wandte – bei einem Streichquartett eher undenkbar! Der groovige Sound macht neugierig. Immerhin soll aus Reboot the Mood mehr als ein Wettbewerbsbeitrag werden. Bisher haben sie bereits einen Instagram-Auftritt, die Internetseite soll folgen und im Sommer eine CD.

Von Wolfram Quellmalz



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Yasmina Rezas Familienausflug der besonderen Art

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Gleich auf den ersten 20 Buchseiten gibt es eine Schlüsselszene in Yasmina Rezas neuem Roman „Serge“. Nach der Beerdigung der Mutter haben sich die Geschwister Popper samt Angehörigen und wenigen Freunden in einem Café zusammengesetzt. Enkelin Josephine mokiert sich darüber, dass die Oma sich habe einäschern lassen – und das als Jüdin, „nach allem, was ihre Familie durchgemacht hat“. Und dann kündigt sie auch noch an, sie werde „dieses Jahr nach Osvitz fahren“.

In „Serge“ verbindet die französische Autorin und Dramatikerin („Der Gott des Gemetzels“, „Kunst“) das Porträt einer Familie mit Fragen nach Identität, Schweigen und Erinnerungskultur. Im Mittelpunkt steht ein Familienausflug der besonderen Art.

Von der Schoah geprägte Familiengeschichte

Cover des neuen Buchs von Yasmina Reza, erschienen im Hanser Verlag, 206 Seiten
Quelle: Hanser

Josephines Vater Serge, die Titelfigur des Romans, tobt: „Osvitz!! Wie die französischen Goys! Lern erst mal, das richtig auszusprechen. Auschwitz! Auschschschwitz!“ Er setzt den Ton dieser immer wieder absurd zugespitzten Familiengeschichte, in der es neben den verschiedenen Befindlichkeiten und typischen Problemen eben auch um den Umgang der zweiten und dritten Generation mit der von der Schoah geprägten Familiengeschichte geht. Einer Geschichte, über die in der Familie Popper ebenso geschwiegen wurde wie über die jüdische Identität: Keine Bar Mitzwa für die Söhne, das letzte Familientreffen mit der Mutter zum Dreikönigskuchen.

Man könne nicht behaupten, den Eltern viele Fragen gestellt zu haben, sagt Serge, als sich die Familie tatsächlich zur gemeinsamen Reise nach Auschwitz aufmacht. Mit dabei neben Josephine ihr Vater Serge, der Onkel und Ich-Erzähler Jean und die Tante Nana. Dabei wussten sie, die Familie der Mutter stammte aus Ungarn, fast alle Angehörigen wurden in Auschwitz ermordet. Waren es die Eltern, die sich das Schweigen auferlegt haben, oder haben sie auf Fragen gewartet, die ihnen die Nachgeborenen nie gestellt haben?

Auch im Umgang mit dem längst zur Touristenattraktion verwandelten ehemaligen Vernichtungslager, in dem nun Menschen in Shorts und bunten T-Shirts herumlaufen und Selfies schießen, unterscheiden sich die Familienmitglieder: Nana ist nach dem Eindruck der Gaskammer aufgewühlt und betroffen. Serge schwitzt in seinem guten Anzug, gibt sich aber betont unbeteiligt. Und Josephine fotografiert in einem fort, als helfe die Kamera, Distanz zum Ort und seiner Geschichte zu schaffen.

Mal überdreht komisch, mal nachdenklich beobachtend

Jean ist derjenige, der den Besuch reflektiert – am Grab der unbekannten ungarischen Verwandten, von denen er und seine Geschwister nie etwas gehört hatten. Vielleicht eine Art Alter Ego auch der Autorin, die selbst aus einer weit verzweigten jüdischen Familie stammt, Tochter einer ungarischen Mutter und eines iranischen Vaters: „Aber das war unsere Familie, sie waren gestorben, weil sie Juden waren, sie hatten das Verhängnis dieses Volkes erlebt, dessen Vermächtnis wir trugen, und in einer Welt, die sich an dem Wort „Gedenken“ berauschte, wirkte es ehrlos, nichts damit zu tun haben zu wollen.“

Mal überdreht und voller Komik, mal nachdenklich und messerscharf beobachtend entwirft Yasmina Reza, die Meisterin des geschliffenen Dialogs und der genauen Pointe, Szenen einer Familie zwischen Entfremdung, Schweigen und der Suche nach einem verbindenden Element. Ob Identität oder der Umgang mit Alter und Krankheit, der eigenen Endlichkeit und der Suche nach dem, was bleibt – in diesem Buch zeigt Reza, dass sie die schrillen wie auch die leisen Töne beherrscht.

Yasmina Reza: Serge. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, 206 Seiten, 22 Euro

Von Eva Krafczyk



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