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„Don’t Look Up“ bei Netflix: Andy McKays stargespickte Kometensatire

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„Es ist, als würde ein gewaltiger Asteroid auf die Erde zurasen, und keinen interessiert’s“, ereiferte sich der Journalist David Sirota gegenüber dem Regisseur Andy McKay über die Gemächlichkeit der Regierungen der Welt. Und das war dann auch schon die zündende Idee. Monatelang hatte sich der Filmemacher („The Big Short“ und „Vice: Der zweite Mann“) zuvor alle möglichen Szenarien für einen Film über die Klimakrise aufgeschrieben. Der halbherzige Umgang der Weltpolitik mit dem Thema des Jahrhunderts befremdete und ängstigte ihn. Und nun nahm also der große Komet den Platz der Erderwärmung ein. Andere Apokalypse, selbe Borniertheit. Nur wird’s den von 1001 Klimanachrichten leicht vernebelten Massen mit dem großen Brocken viel klarer, wie viel vor zwölf es nun genau ist.

Der Titel von McKays Sci-Fi-Satire sagt schon alles: „Don’t Look Up“ heißt „Schau nicht hoch“ und meint: „Dann kommt auch nichts“. Tatsächlich kommt was. Die Astronomiedoktorandin Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) entdeckt im Teleskop einen fünf bis zehn Kilometer breiten Felsklumpen. Ihr Chef, Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), will nur noch schnell die Flugbahn berechnen, mit der das Ding an der Erde vorbeischwirrt. Und muss feststellen, dass es einen Volltreffer geben wird. In sechs Monaten und 14 Tagen passiert etwas, das zuletzt die Dinosaurier erlebten.

Dafür gibt es einen Termin bei der Präsidentin (Meryl Streep). Die kommt erstmal viel zu spät zum Date, muss dann zum „Happy Birthday“-Singen für eine Angestellte und vertagt die Sache schließlich. „Sagen wir 70 Prozent Wahrscheinlichkeit“, erwidert sie den Astronomen und Astronominnen und dem Weltraumabwehrchef der Nasa (Rob Morgan) anderntags, „man kann den Leuten doch nicht sagen, dass sie in sechs Monaten zu 100 Prozent alle sterben werden“. Überhaupt seien die beiden Pferdescheumacher ja wohl aus dem tiefsten Michigan, belustigt sich der Chief of Staff (Jonah Hill) – als sähen die Leute dort Sterne und Kometen nur, wenn sie sternhagelvoll gegen Scheunentore laufen.

Politische Taktiken sind wichtiger als eine Apokalypse-to-be

Drei Wochen müsse man die Bekanntgabe sowieso noch verschieben, sonst verliere man den Kongress, wirft die First Woman noch ein, deren Laune gerettet scheint, als sie endlich ihre Zigarettenschachtel findet. Streep spielt die Präsidentin (von den Demokraten) als wäre sie eine noch mal zehn Jahre ältere Carrie Underwood aus „And Just Like That“. Der Mann und die Frau aus der Welt der Sternenphysik und Mathematik können nicht fassen, mit welcher Borniertheit ihnen die Politik das Wort im Munde umdreht. „Super classified“ sei all das übrigens, sagt ihnen der Chief of Staff noch zum Abschied. Also: Pst! Nicht weitersagen.

Die Presse macht Druck! Kate und Randall gehen also umgehend zum fiktiven „New York Herald“. Der akzeptiert die Wahrheit, aber den Boten wird sogleich ein guter Whistleblower-Anwalt empfohlen und ein Training besorgt, um den Medienwumms zu überstehen, der auf sie zurauscht. Während Kate sich vor dem Fernsehauftritt bei „The Daily RIP“ nicht von ihrem Norwegerpulli trennen möchte, bekommt Randall hochgradiges Lampenfieber. Und dann sind sie nach einem kosmisch aufgebrezelten Popsternchen dran, das sich live – samt Heiratsantrag – mit dem Ex versöhnt. Wen interessiert da noch so ein Armageddon?

Das erste, was der Moderator und die Moderatorin (Tyler Perry, Cate Blanchett mit sensationellen Kunstwimpern) dann wissen wollen: „Gibt es Leben da draußen?“ Was der nach seiner Entdeckerin benannte Komet Dibriasky anrichten wird, wird zerwitzelt, Hauptsache er trifft das Haus der Ex des Moderators. Ha-ha! Kate explodiert vor laufender Kamera – nicht gut für die Seriosität. In den sozialen Medien kursieren Memes von der Verrückten, Klicks gab’s auch kaum. Das US-Fernsehen wünscht den „Panikmachern“ einen „schönen Weltuntergang“.

Dass es vielleicht doch etwas wird mit der Globusrettung liegt daran, dass die Präsidentin von einem Skandal ablenken muss – weil sie Fotos ihrer körpereigenen Niederlande an einen Ex-Lover verschickt hat. Mit ausgelutschten Satelliten und ausrangierten Raumfährten voller Atomsprengköpfen will man den dicken Brocken nun vom Kurs abbringen. Ein Held (Ron Perlman) soll das Paket im Herz des Kometen platzieren, was auch computergesteuert ginge, aber „Amerika liebt Helden“.

„I came from Alabama with my Banjo on my Knees …“, singt der vierschrötige Ex-Militär und kann während der Startphase gerade noch davon abgebracht werden, eine Botschaft an die Schwulen der Erde zu schicken. Homophobie, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Populismus, kapitalistische Ultragier, Hybris – McKays Kometenkomödie streift so gut wie jeden gesellschaftlichen Horror.

Eine prächtige Odyssee durch die menschliche Dummheit

Eine prächtigere Odyssee durch die wilde See der menschlichen Dummheit und Ignoranz gab es selten zu sehen – die Geheimdienstsatire „Burn After Reading“ (2008) der Coen-Brüder fällt einem ein oder der rabenschwarze Lobbyistenspaß „Thank You for Smoking“ (2005) von Jason Reitman. Nach dem Motto „Was man nicht sehen kann, gibt es auch nicht“ liefert McKay mit seinem Film auch gleich noch eine herrliche Parabel auf den Verschwörungsunsinn jener potenziell mörderischen Zeitgenossen und ‑genossinnen, die die Existenz des mikroskopisch kleinen Winzlings Corona respektive seine Gefährlichkeit bestreiten, dahinter eine Weltverschwörung zur Errichtung von Diktaturen oder bereits errichtete Diktaturen sehen (im Deutschland der Verquerdenkenden etwa wird derzeit die Merkeldiktatur von der Scholzdiktatur abgelöst) und die die rettenden Impfstoffe scheuen wie der Teufel das Weihwasser. „Woher wissen wir überhaupt, dass es einen Kometen gibt?“, prollt denn auch prompt ein Kometenleugner.

Wem mulmig wird – die Nasa erprobt demnächst das Asteroidenschubsen

McKays mit Stars gespickter Film (dabei sind beispielsweise noch Timothée Chalamet, Melanie Lynskey, Matthew Perry, Mark Rylance und Ariana Grande) hat optisch einen quasidokumentarischen Anstrich. Viel Wackelkamera, gelegentlich werden Bilder von der Schönheit der irdischen Fauna und Flora eingestreut, dann wieder der Silberschweif des steinernen Gasts, der stumm seinem Ziel entgegen rast.

Wem bei alldem schrecklich mulmig wird, wer Angst hat, irgendwo in der ewigen Schwärze sei möglicherweise jetzt schon ein Mount-Everest-großer Klumpen unterwegs zu uns, der sei daran erinnert, dass die Nasa längst alles tut, um gewappnet zu sein. Vor knapp drei Wochen ist die Sonde Dart (Double Asteroid Redirection Test) von der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien zu ihrer Mission gestartet, um einen Asteroiden ein bisschen zu schubsen, seine Umlaufbahn leicht zu verändern. Anfang Oktober 2022 wissen wir mehr.

Mal sehen, ob da oben was geht.

„Don’t Look Up“, 145 Minuten, Regie: Andy McKay, mit Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Meryl Streep, Jonah Hill (ab 9. Dezember im Kino, ab 24. Dezember bei Netflix)



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Yasmina Rezas Familienausflug der besonderen Art

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Gleich auf den ersten 20 Buchseiten gibt es eine Schlüsselszene in Yasmina Rezas neuem Roman „Serge“. Nach der Beerdigung der Mutter haben sich die Geschwister Popper samt Angehörigen und wenigen Freunden in einem Café zusammengesetzt. Enkelin Josephine mokiert sich darüber, dass die Oma sich habe einäschern lassen – und das als Jüdin, „nach allem, was ihre Familie durchgemacht hat“. Und dann kündigt sie auch noch an, sie werde „dieses Jahr nach Osvitz fahren“.

In „Serge“ verbindet die französische Autorin und Dramatikerin („Der Gott des Gemetzels“, „Kunst“) das Porträt einer Familie mit Fragen nach Identität, Schweigen und Erinnerungskultur. Im Mittelpunkt steht ein Familienausflug der besonderen Art.

Von der Schoah geprägte Familiengeschichte

Cover des neuen Buchs von Yasmina Reza, erschienen im Hanser Verlag, 206 Seiten
Quelle: Hanser

Josephines Vater Serge, die Titelfigur des Romans, tobt: „Osvitz!! Wie die französischen Goys! Lern erst mal, das richtig auszusprechen. Auschwitz! Auschschschwitz!“ Er setzt den Ton dieser immer wieder absurd zugespitzten Familiengeschichte, in der es neben den verschiedenen Befindlichkeiten und typischen Problemen eben auch um den Umgang der zweiten und dritten Generation mit der von der Schoah geprägten Familiengeschichte geht. Einer Geschichte, über die in der Familie Popper ebenso geschwiegen wurde wie über die jüdische Identität: Keine Bar Mitzwa für die Söhne, das letzte Familientreffen mit der Mutter zum Dreikönigskuchen.

Man könne nicht behaupten, den Eltern viele Fragen gestellt zu haben, sagt Serge, als sich die Familie tatsächlich zur gemeinsamen Reise nach Auschwitz aufmacht. Mit dabei neben Josephine ihr Vater Serge, der Onkel und Ich-Erzähler Jean und die Tante Nana. Dabei wussten sie, die Familie der Mutter stammte aus Ungarn, fast alle Angehörigen wurden in Auschwitz ermordet. Waren es die Eltern, die sich das Schweigen auferlegt haben, oder haben sie auf Fragen gewartet, die ihnen die Nachgeborenen nie gestellt haben?

Auch im Umgang mit dem längst zur Touristenattraktion verwandelten ehemaligen Vernichtungslager, in dem nun Menschen in Shorts und bunten T-Shirts herumlaufen und Selfies schießen, unterscheiden sich die Familienmitglieder: Nana ist nach dem Eindruck der Gaskammer aufgewühlt und betroffen. Serge schwitzt in seinem guten Anzug, gibt sich aber betont unbeteiligt. Und Josephine fotografiert in einem fort, als helfe die Kamera, Distanz zum Ort und seiner Geschichte zu schaffen.

Mal überdreht komisch, mal nachdenklich beobachtend

Jean ist derjenige, der den Besuch reflektiert – am Grab der unbekannten ungarischen Verwandten, von denen er und seine Geschwister nie etwas gehört hatten. Vielleicht eine Art Alter Ego auch der Autorin, die selbst aus einer weit verzweigten jüdischen Familie stammt, Tochter einer ungarischen Mutter und eines iranischen Vaters: „Aber das war unsere Familie, sie waren gestorben, weil sie Juden waren, sie hatten das Verhängnis dieses Volkes erlebt, dessen Vermächtnis wir trugen, und in einer Welt, die sich an dem Wort „Gedenken“ berauschte, wirkte es ehrlos, nichts damit zu tun haben zu wollen.“

Mal überdreht und voller Komik, mal nachdenklich und messerscharf beobachtend entwirft Yasmina Reza, die Meisterin des geschliffenen Dialogs und der genauen Pointe, Szenen einer Familie zwischen Entfremdung, Schweigen und der Suche nach einem verbindenden Element. Ob Identität oder der Umgang mit Alter und Krankheit, der eigenen Endlichkeit und der Suche nach dem, was bleibt – in diesem Buch zeigt Reza, dass sie die schrillen wie auch die leisen Töne beherrscht.

Yasmina Reza: Serge. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, 206 Seiten, 22 Euro

Von Eva Krafczyk



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Opernsänger Michael Müller-Kasztelan: Quarantäne statt Premiere

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Nach sieben Wochen Probe war es ein Schock: Corona-Test positiv, neun Tage vor der Premiere. Michael Müller-Kasztelan stand im Opernhaus auf der Bühne, als ihn Intendant Daniel Karasek herauswinkte und nach Hause schickte. „Ich konnte das gar nicht glauben. Wir waren in voller Fahrt, wollten raus mit dem Musical. Und ich hatte ja überhaupt keine Symptome“, sagt der Sänger, der im Musical „Sunset Boulevard“ die männliche Hauptrolle singt und spielt. Joe Gillis, ein erfolgloser Drehbuchschreiber in Hollywood, der per Zufall in den goldenen Käfig des verglühenden einstigen Stummfilmstars Norma Desmond gerät.

„Ein tolles Musical und eine tolle Rolle“, sagt der Tenor, seit der Spielzeit 2009/10 fest im Ensemble der Kieler Oper, „ich habe da sehr viel Energie hineingesteckt und sehr lange dran gefeilt, weil die Schauspielanteile doch größer sind als in der Oper. Im Grunde ist das ein Kammerspiel.“ Und das sollte nun alles einfach verpuffen? Glücklicherweise, erzählt er, habe ihm das Theater die Rolle offen gehalten. Der Zeitrahmen hätte gereicht, sich vor der Premiere am 22. Januar wieder freizutesten.

Es hätte noch klappen können mit der Premiere …

Erst recht, nachdem klar wurde. dass die bei Michael Müller-Kasztelan diagnostizierte Virenlast extrem gering war. „Der Infektiologe im Testlabor hätte mich nach einer ausführlichen Mundspülung wieder auf die Bühne gelassen“, scherzt er, „bei mir als Sänger sei wahrscheinlich nur Totmaterial auf dem Stäbchen gelandet, hat er gesagt. Letzteres war ernst gemeint.“

Im Vertrauen auf die baldige Freiheit testete sich Michael Müller-Kasztelan täglich selbst – stets negativ. „Es hätte also noch klappen können mit der Premiere“, sagt er. Als das Theater dann aber zwei Tage später das gesamte Premierenwochenende absagte, weil das Monitoring knapp 30 Positiv-Testungen in allen drei Ensembles ergeben hatte, war der Frust schon etwas abgeklungen. „Ich war auch etwas ausgepowert – und plötzlich konnte ich die kleine Zwangspause auch ein bisschen positiv sehen.“

Der Zwangspause die guten Seiten abgewinnen

Zeit, den Kopf freizumachen, sich schon mal auf kommende Projekte einzustimmen. Haydns „Jahreszeiten“ für das Philharmonische Konzert zum Beispiel, den Cassio im „Othello“ oder die Rolle in der Strauss-Oper „Salome“ beim Bergen Festival im Mai in Norwegen. Zeit aber auch für die Familie mit den beiden kleinen Söhnen. „Ich versuche sowieso, den Dingen die guten Seiten abzugewinnen“, sagt er, „mit einem positiven Mindset kommt man weiter.“

Das half auch, als sich letzten Sonntag doch Erkältungssymptome einstellten – und der PCR-Test eine deutliche Virenlast ergab. So war Corona doch noch bei Müller-Kasztelan angekommen; „der Kleine hat es aus der Schule mitgebracht“. Und während der Sänger nun wieder zu Hause festsitzt, kam auch Post vom Gesundheitsamt – mit der Nachricht, er sei jetzt genesen und könne die Quarantäne beenden …



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Danke für die Lektion, RTL

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„Wir müssen euch mitteilen, dass solche Äußerungen wie von Janina nicht toleriert werden können. Janina muss das Camp verlassen.“ Mit diesen Worten teilte Moderator Daniel Hartwich per Dschungeltelefon den Kandidatinnen und Kandidaten den Rauswurf von Bohlen-Ex Janina Youssefian aus „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ (IBES) mit.

RTL, bisher in eigenen Formaten wenig zimperlich bei Beleidigungen und Mobbing, greift durch – mit aller Konsequenz. Nachdem Youssefian ihre Konkurrentin Linda Nobat rassistisch beleidigt hat, half auch eine mehr erzwungene als ehrliche Entschuldigung nicht weiter und Youssefian wurde von zwei Rangern aus dem südafrikanischen Dschungel abgeholt. RTL löst den Vertrag mit der 39-Jährigen auf und lässt sie alsbald die Heimreise antreten.

Deutliche Worte im Dschungelcamp nach rassistischer Entgleisung

Wenige Stunden zuvor eskalierte ein Streit zwischen Youssefian und ihrer schwarzen Mitcamperin Nobat. Mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Zickereien machten die Beiden in den vergangenen Tagen auf sich aufmerksam und schenkten einander nichts.

Trauriger Höhepunkt: eine Auseinandersetzung, nachdem beide erfuhren, wieder gemeinsam in eine Dschungelprüfung zu müssen. Dann fielen in eben jenem Beleidigungs-Exzess zwei Sätze, die alles veränderten. „Geh doch in den Busch wieder zurück, wo du hingehörst“, sagte Youssefian zunächst von der wütend herumbrüllenden Nobat unbemerkt, wiederholte aber kurz darauf: „Geh doch in den Busch wieder.“ Das nahmen dann auch Nobat und die Mitcamperinnen und Mitcamper zur Kenntnis.

„Solche Aussagen sind scheiße“, quittierte Jasmin Herren sofort. „Janina, entschuldige dich dafür, das ist ganz, ganz, ganz schlimm“, sagte Anouschka Renzi in Richtung Youssefian, „das ist rassistisch.“ Harald Glööckler fand am Lagerfeuer deutliche Worte: „Das geht gar nicht, das ist rassistisch und das geht nicht.“ Und auch Tara Tabitha redete Youssefian ins Gewissen: „Das (sic!) Kommentar mit dem Busch kannst du wirklich nicht sagen!“

Dschungel-Kandidaten applaudieren nach Youssefian-Rauswurf

RTL bewertete den Vorfall genauso und warf Youssefian aus der Sendung. Unter den Kandidatinnen und Kandidaten gab es für diese Entscheidung Applaus. Auch weil das Team im Camp so deutlich Stellung bezog, hatte RTL in diesem Fall leichtes Spiel: Die Teilnehmenden selbst waren es, die den Rassismus als solchen benannten, sie waren es, die Youssefian permanent auf das Fehlverhalten hinwiesen und eine Entschuldigung erwirkten.

RTL musste nur noch Konsequenzen ziehen. Der Sender ließ die Hasstiraden von Nobat ungeahndet (wohl auch, weil sie der Quote dienen) und warf Youssefian wegen der zwei getätigten Busch-Sätze hinaus. Während Youssefian mehrfach noch im Dschungel anprangerte, dass Nobat sie übel beleidigt habe, und auf ihrem Instagram-Profil am Mittwoch schrieb, auch Nobat hätte wegen der Beleidigungen gehen müssen, wertet RTL die Vorkommnisse anders.

Warum eine rassistische Beleidigung anders als eine persönliche Beleidigung ist

Der Sender unterscheidet zwischen Beleidigungen gegen eine Person und rassistischen Beleidigungen gegen Menschen anderer Hautfarbe. So war Nobat zwar alles andere als zimperlich, bezeichnete Youssefian etwa als „dumme Bitch“. Diese hingegen beleidigte nicht nur Nobat als Person, sondern ihre Herkunft. Damit unterstellt sie, dass Nobat, deren Eltern aus Kamerun nach Deutschland kamen, wegen dieser Herkunft solch ein Verhalten zeige. Fehlverhalten wird also nicht mehr Nobat als Person und ihren Charaktereigenschaften zugeschrieben, sondern der Tatsache, dass sie schwarz ist und ihre Eltern aus Afrika stammen.

Nach mehrmaligen Aufforderungen der Kandidatinnen und Kandidaten bat Youssefian am nächsten Morgen um Entschuldigung – Nobat registrierte das, sagte sie, nahm die Entschuldigung aber nicht an. Es sei nicht so gemeint gewesen, sagte Youssefian, die im Iran geboren ist und 15 Jahre dort gelebt hat. Sie wollte Nobat umarmen, „glaubst du, ich bin eine Rassistin?“, fragte sie. Doch Nobat wandte sich ab.

Es folgte eine Premiere im deutschen Fernsehen: Unaufgeregt und nüchtern wurde der Rauswurf verkündet. In den sozialen Netzwerken gab es viel Lob für das Handling. Keine Witze, keine dramatische Musik, keine Dutzenden Wiederholungen. Während einige Zuschauerinnen und Zuschauer den Rauswurf für alternativlos halten und als richtig empfinden, gehen andere mit Youssefian d‘accord, wonach auch Nobat hätte rausgeworfen werden müssen.

Rassismus-Eklat im Dschungelcamp sagt viel über die deutsche Gesellschaft aus

Der Vorfall im Dschungelcamp offenbart jedoch viel mehr – es ist keine Sache, die sich nur zwischen zwei Reality-TV-Sternchen zutrug und niemanden weiter etwas angeht. Vielmehr erzählt dieser Vorfall mehr über die Gesellschaft in Deutschland im Jahr 2022 als vielen wohl bewusst ist – nicht nur, weil RTL diesen Unterschied zwischen persönlicher und rassistischer Beleidigung macht. Und deshalb ist es auch richtig und wichtig gewesen, dass RTL die Szenen ausgestrahlt hat.

Die Äußerungen von Youssefian waren unbedacht und wahrscheinlich tatsächlich „nicht so gemeint“. Das Problem: Nicht so gemeint ist in dem Fall trotzdem gesagt.

„Ihr könnt mal eine Umfrage machen, wie oft sich jemand dann anhören muss: ‚Das war aber nicht so gemeint.‘“, sagte Nobat im Interview. In Deutschland und der weiß dominierten Welt herrscht immer noch der Irrglaube, Rassismus sei nur, was offensichtlich, offen und direkt kommuniziert und gemeint sei. Rassisten sind Neonazis, Rechtsextreme, Rechtsradikale, aber nicht normale Bürgerinnen und Bürger, denen mal etwas „nicht so gemeintes“ rausrutscht. Und vor allem keine Menschen, die selbst Migrationshintergrund haben – die erleben schließlich auch selbst immer wieder Rassismus.

Rassistisches Gedankengut ist oft unbewusst und tief verankert

Eine ähnliche Diskussion gab es in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit, als beim Einzelzeitfahren bei den Olympischen Spielen im August der Sportdirektor des Bund Deutscher Radfahrer, Patrick Moster, den Rennfahrer Nikias Arndt mit dem Ruf „Hol‘ die Kameltreiber“ anfeuerte. Moster, der aus Japan abreisen musste und von seinen Aufgaben entbunden wurde, sagte später zu seiner Verteidigung, die Worte seien ihm herausgerutscht.

Genau hier liegt aber der Irrtum. Die Aussagen von Youssefian und Moster offenbaren, wie tief verankert rassistisches Denken in Menschen steckt – hätten sie die Gedanken nicht vorher schon gehabt, wären sie in diesen Szenen nicht im Affekt ausgesprochen worden. Die Worte mögen nicht beabsichtigt und nicht bewusst rassistisch gewählt worden sein, sie legen dennoch rassistische Grundstrukturen offen.

Diese Strukturen ziehen sich durch alle Bereiche – und führen zu einer permanenten Abwertung von Black People / People of Color (BPoC) in Deutschland. Mit einem „nicht so gemeint“ ist der Absender fein raus. Statt sich der unbequemen Wahrheit über sich selbst zu stellen und das eigene Handeln zu reflektieren, befreit man sich damit selbst vom Vorwurf, rassistisches Gedankengut zu haben oder Rassismus zu verbreiten.

Janina Youssefian (links) und Linda Nobat konnten sich von Beginn an nicht ausstehen – und wurden von den Zuschauerinnen und Zuschauern genau deshalb zusammen in die Dschungelprüfung „Das Traumahaus der Stars“ gewählt. © Quelle: RTL

Unbewusster Rassismus: Was jeder dagegen tun kann

Bemerkenswert ist auch, wie Nobat den Vorfall einordnet. „Ich bin in der Situation, in der ich gerade bin, zum einhundertmillionsten Mal. Das hier ist nicht neu für mich“, berichtet sie. Über den Rauswurf sagt sie, es sei zum ersten Mal in ihrem Leben so, „dass etwas so gerecht gemacht wird.“ Dieser Satz offenbart, wie wenig ernst Rassismus in Deutschland 2022 immer noch genommen wird – trotz Black Lives Matter und Anti-Rassismus-Kampagnen.

Sollte es stimmen, dass rassistische Äußerungen ihr gegenüber nie Folgen hatten, ist das eine Bankrotterklärung der Gesellschaft. Immerhin handelt es sich in Deutschland um eine Straftat, die mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden kann.

Hier sind wir alle gefragt: Es gilt, bei Vorfällen hinzuhören und einzuschreiten. Es gilt Menschen, die Rassismuserfahrungen haben, zuzuhören und ihnen nicht mit Sätzen wie „Ich mache keinen Unterschied in der Hautfarbe“ zu entgegnen, da sie erlebte rassistische Diskriminierung abwerten. Vor allem aber gilt, immer wieder das eigene Verhalten, das eigene Denken, das eigene Handeln zu reflektieren und sich rassistische Strukturen bewusst zu machen (gut erklärt in den Büchern und Hörbüchern „Exit Racism“ von Tupoka Ogette und „Was Deutsche nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters).

Es tut weh, festzustellen und damit konfrontiert zu werden, dass man selbst rassistische Gedanken hegt, obwohl man Rassismus zutiefst verabscheut. Aber nur so wird struktureller Rassismus im ersten Schritt sichtbar, im zweiten Schritt bekämpft.

Dschungelstars als Vorbild für den Umgang mit Rassismus

Bemerkenswert ist genau deshalb auch der Umgang der anderen Teilnehmenden von „Ich bin ein Start, holt mich hier raus“. Sie benannten den Rassismus an Ort und Stelle und sie waren es, die sich vereint auf die Seite von Linda Nobat schlugen, selbst wenn sie anderweitig Differenzen mit ihr haben. Sie erkannten, dass eine rassistische Beleidigung keine der üblichen Beleidigungen ist und auch, dass zu keinem Zeitpunkt Rassismus eine Antwort auf Fehlverhalten oder schlechte Charaktereigenschaften sein kann. Sie reagierten schlicht genauso, wie es sein sollte – und werden damit zu Vorbildern in einer Debatte, die uns noch lange begleiten wird.

Die Dschungelstars relativierten nicht und suchten keine Ausreden für Youssefian – zumindest wurden keine von RTL ausgestrahlt. Sie standen zusammen, applaudierten und beim Rauswurf – selbst jene, die im Dauerstreit Janina Youssefian gegen Linda Nobat eigentlich Team Janina waren, wie Harald Glööckler. Oder wie Erik Stehfest nach der Entscheidung sagte: „Das wird heute nicht mehr geduldet. Punkt.“

Nach Mobbing-Kritik: RTL wirft erstmals Kandidatin aus einem Reality-Format

Bei RTL ist der Rauswurf aus solch einem Format ein Novum – und zeigt womöglich, wo das Privatfernsehen hingeht. Beim Mobbing in der Sendung „Das Sommerhaus der Stars“ oder bei homophoben Äußerungen im Sat-1-Format „Promis unter Palmen“ waren es jeweils Mitkandidatinnen und Mitkandidaten, die die Übeltäter aus der Show wählten, nicht die Sender selbst. Das sorgte für reichlich Kritik. Zwar gab es schon Vorfälle, in denen Personen wegen radikaler Aussagen außerhalb der Sendungen aus Shows ausgeschlossen wurden (DJ Tomekk im Dschungelcamp 2008 nachdem ein Video mit dem Hitler-Gruß auftauchte, Michael Wendler und Xavier Naidoo wegen Verschwörungstheorien bei „Deutschland sucht den Superstar“), im Fernsehen war das aber nie zu sehen.

Hat RTL durch die Kritik an „Das Sommerhaus der Stars“ gelernt? Möglich. Dass allerdings Matthias Mangiapane, immer wieder mit Mobbing-Vorwürfen konfrontiert, zur Dschungelshow „Die Stunde danach“ kam, sorgte in diesem Zusammenhang für Unverständnis in sozialen Netzwerken. Auch von anderen Personen, denen immer wieder Tyrannei vorgeworfen wird, etwa Desirée Nick, ist weiterhin gern gesehener Gast bei RTL.

Eskalation und persönliche Beleidigungen sind also offenbar nach wie vor gerne gesehen bei RTL, bei Rassismus aber ist selbst fürs Trash-TV eine Grenze erreicht.



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