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1995: Häuser der Hafenstraße gehen an ihre Bewohner | NDR.de – Geschichte

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Stand: 14.02.2020 09:29 Uhr
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Hamburg Journal

Seit Anfang der 80er-Jahre gelten die damals besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße als Symbol der Hausbesetzer-Bewegung. Nach langen Diskussionen beschließt die Hamburger Bürgerschaft am 15. Februar 1995 den Verkauf der besetzten Häuser. Im Dezember ist der Deal unter Dach und Fach – und die Situation endgültig befriedet: Für rund zwei Millionen Mark gehen die Häuser an die eigens zu diesem Zweck gegründete Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“. Die Geschichte eines teils gewalttätigen Konflikts – und seiner ungewöhnlichen Lösung.

Es beginnt völlig unspektakulär im Herbst 1981: Einige Hamburger Studenten und Autonome beschließen, leerstehende Wohnungen in der Hafenstraße und der Bernhard-Nocht-Straße zu besetzen. Bisher waren sie dort normale Mieter, denn es bestand ein pauschaler Vertrag mit dem Studentenwerk. Doch jetzt plant die Stadt den Abriss. Sie ist über die kommunale Wohnungsbaugesellschaft SAGA Eigentümerin der Gebäude. Es ist der Auftakt zu einem jahrelangen Häuserkampf, der die Hamburger Hafenstraße bundesweit bekannt macht und immer wieder für Schlagzeilen sorgt.








Hamburg damals: Die Hafenstraße

Hamburg Journal

In den 80er-Jahren wird die Hafenstraße in Hamburg zum Brennpunkt. Hausbesetzer und Polizei liefern sich regelrechte Schlachten. Ein Blick zurück.

Schleichende Besetzung: „Es ging darum, die Häuser zu retten“

Der Konflikt dreht sich um insgesamt zwölf Häuser, gebaut um das Jahr 1900, mit schmucken Fassaden und Blick auf die Elbe. Allerdings sind die Gebäude, die am Hafen zwischen Reeperbahn und Landungsbrücken liegen, völlig heruntergekommen und sanierungsbedürftig. „Es begann damals ganz schleichend“, erinnert sich Rasmus Gerlach, Dokumentarfilmer und Zaungast der Ereignisse, kurz nachdem im Jahr 2010 sein Film „Hafenstraße im Fluss“ erschienen war. „Die wirkliche Besetzung fand erst im Zuge einer Silvesterfeier statt. Die bisherigen Bewohner beschlossen, ihren Anspruch auf das ganze Areal auszuweiten, weil absehbar war, dass es sonst abgerissen wird. Es ging darum, die Häuser zu retten.“

Bewohner fordern Selbstverwaltung statt Abriss


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Anfang der 80er: Die Bewohner sanieren die Häuser und fordern ein Recht auf Selbstverwaltung ein.

Bemerkt werden die illegalen Bewohner tatsächlich erst im Frühjahr 1982. Sofort stellt die SAGA Strafantrag und lässt die Häuser polizeilich räumen. Doch keine zwei Tage später werden die Bauten erneut „instandbesetzt“. In einem offenen Brief an den damaligen Bausenator Volker Lange (SPD) fordern die Besetzer das „Recht auf Selbstverwaltung“, um die Häuser zu erhalten. Ein offizielles Gutachten bestätigt, dass die Kosten für den Erhalt deutlich unter denen von Neubauten stehen, doch die Stadt will einige der Häuser weiterhin abreißen.

Es beginnt ein jahrelanges Tauziehen: Immer wieder will der Hamburger Senat die Häuser räumen und abreißen lassen, die Bewohner fordern dagegen einen Nutzungsvertrag für alle Häuser. Doch sämtliche Verhandlungen scheitern zunächst. 1983 erhalten die Bewohner einen befristeten Nutzungsvertrag, aber die Konflikte halten an. Die Polizei lässt Wohnungen räumen, Solidaritätsdemos enden mit teils gewalttätigen Ausschreitungen.

Der Streit um die Hafenstraße

„Chaos-Sightseeing“ an der Hafenstraße

Über Jahre flammen die Streitigkeiten immer wieder neu auf. Für manchen Hamburger wirkt die Hafenstraße fast wie ein rechtsfreier Raum, der Angst macht: Man beobachtet sie aus sicherer Entfernung und schüttelt den Kopf. Hafenrundfahrten nehmen die Häuserzeile mit ins Touristen-Programm – „Chaos-Sightseeing“ aus der Ferne. Als „eine Wunde in der Stadt“ bezeichnet der damalige Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi (SPD), die Hafenstraße später.

Straßenschlachten und Abrissdrohungen

Diese „Wunde“ macht deutschlandweit von sich reden, die Hafenstraße avanciert zur berühmtesten Häuserfassade der 80er-Jahre. Sie wird zum Anziehungspunkt für Punks, Alternative und Aussteiger. Die kreativ bemalten Häuser mit Symbolen wie der schwarz-rot-goldenen Banane als Persiflage auf den Staat, der schwarzen Katze auf rotem Stern und der Aufschrift „Keine Macht für Niemand“ sollen den Wunsch nach Freiheit symbolisieren. Doch die Hafenstraße steht auch für rohe Gewalt – sowohl vonseiten des Staats als auch seitens der Bewohner: Straßenschlachten, Festnahmen, Hausdurchsuchungen, erneute Abrissdrohungen, Verdacht auf RAF-Verbindungen und Barrikaden-Kämpfe.

Ende 1986: Die Lage eskaliert


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1986 bekunden 12.000 Menschen ihre Solidarität mit der Hafenstraße.

Ende 1986 erreicht die Konfrontation zwischen Polizei und Besetzern einen vorläufigen Höhepunkt. Nach mehreren Straßenschlachten ziehen am 20. Dezember 12.000 Menschen durch die Hamburger Innenstadt. „Solidarität mit der Hafenstraße. Keine Räumung, kein Abriss. Schluss mit dem Polizei-Terror“ lauten die Parolen der Stunde. Hunderte schwarz vermummte Autonome stehen Hundertschaften einsatzbereiter, mit Helm und Schlagstock ausgerüsteter Polizisten gegenüber.

Die Situation eskaliert, es kommt zu schweren Auseinandersetzungen und vielen Verletzten. Der NDR konstatiert am 22. Dezember in Hamburg Aktuell: „Eine Schlagstock-Attacke und Reizgas der Polizei zu einem Zeitpunkt, als auch der potenziell militante Teil der Demonstration friedlich war. Das wurde von allen Teilnehmern als Bruch der Absprachen empfunden.“

Zeitzeugen-Bericht

Dokumentarfilmer Rasmus Gerlach hat zwei Filme über die Hamburger Hafenstraße gedreht. Im Interview erzählt er, was er dort erlebt hat und warum ihn das Thema so fasziniert.
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Senat droht mit Räumung

„Wir alle hatten das Gefühl: Es gibt Tote, wenn sie jetzt räumen“, so Dokumentarfilmer Gerlach. Es ist eine brandgefährliche Patt-Situation zwischen Hausbesetzern und Staatsmacht. 1987 schwelt der Konflikt weiter. Ein Angebot des Mäzens und Sozialhistorikers Jan Philipp Reemtsma, die Häuser für den symbolischen Kaufpreis von einer Mark zu übernehmen und so die Stadt aus dem Konflikt herauszuholen, lehnt der Senat im Mai ab. Als der damalige SPD-Fraktionschef Henning Voscherau im November 1987 die Verhandlungen über einen Pachtvertrag für gescheitert erklärt und erneut mit Räumung droht, machen sich die Bewohner für den Häuserkampf bereit: Sie bauen Stahltüren ein, verbarrikadieren Fenster, sichern die Dächer mit Nato-Draht ab. Der Piratensender „Radio Hafenstraße“ heizt die Stimmung zusätzlich an und ruft dazu auf, den Stadtteil und die Innenstadt zu besetzen.

Dohnanyi „verpfändet“ sein Amt


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Gegen den Willen der eigene Partei forciert Klaus von Dohnanyi (Mitte) eine friedliche Lösung.

Innensenator Alfons Pawelczyk lässt im Gegenzug Tausende Polizisten zusammenziehen. Eine friedliche Lösung scheint kaum noch mehr erreichbar. Da beschreitet Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi – auch gegen den Willen der eigenen Partei – einen ungewöhnlichen Weg: Am 17. November 1987 „verpfändet“ er sein Amt und gibt sein „politisches Ehrenwort“, dass es eine vertragliche Lösung für die Bewohner geben werde, wenn die illegalen Straßensperren abgebaut werden – mit Erfolg: Nach einem 24-stündigen Ultimatum fallen die Barrikaden. Die Räumung der Hafenstraße bleibt aus. Am 19. November unterschreiben Stadt und Bewohner einen 22-seitigen Pachtvertrag zur Nutzung der Häuser. Für diesen „beispielhaften Beitrag zur Befriedung und Konfliktbewältigung“ wird Dohnanyi mit der Theodor-Heuss-Medaille geehrt.

Zeitzeugen-Bericht

In den 80er-Jahren liefern sich Besetzer und Stadt einen unerbittllichen Kampf um die Hamburger Hafenstraße. Drei Frauen erinnern sich an eine bewegte und teils auch angstvolle Zeit.
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1995: Gründung einer Genossenschaft

Danach kommt es immer wieder zu kleineren Reibereien, doch eine größere Eskalation zwischen Bewohnern und Stadt bleibt aus. 1995 verkauft die Stadt Hamburg die Häuser schließlich an eine eigens gegründete Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“. In den Folgejahren übernehmen die Bewohner einen großen Teil der notwendigen Sanierungsarbeiten. Inzwischen ist es ruhig geworden um die Hafenstraße, laut Gerlach „dem einzigen Utopie-Versuch der bundesrepublikanischen Linken, der bis heute überlebt hat.“ Die Häuser gelten nun vor allem als besonders buntes und alternatives Quartier des Szene-Stadtteils St. Pauli. Ohne die Besetzung 1981 wäre davon nichts mehr übrig.

Weitere Informationen

Straßenschlachten und brennende Barrikaden: Die Hamburger Hafenstraße wird in den 80er- und 90er-Jahren zum Symbol für die Hausbesetzer-Szene in Deutschland. Eine Chronologie.
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Einst prachtvolles Varieté-Theater, heute autonomes Zentrum: Die Rote Flora in Hamburg ist das am längsten besetzte Haus der Bundesrepublik – und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.
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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal |
07.11.2018 | 19:30 Uhr

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Berlinale-Jubel für zwei Filme über Künstler

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Berlin (dpa) – Zwei Filme über sehr unterschiedliche Künstler sind bei ihren Premieren während der Berlinale mit ähnlich frenetischem Applaus gefeiert worden. Im Wettbewerb startete am Freitagabend der Streifen „Hidden Away“ („Volevo nascondermi“) des italienischen Regisseurs Giorgio Diritti.

+++ Aktuelle Promi-News +++

Bärenverdächtig lang gefeiert wurde dabei Hauptdarsteller Elio Germano für seine packende Darstellung des psychisch angeschlagenen Malers Antonio Ligabue (1899-1965).

Umjubelt auch das Berlinale-Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Bettina Böhler hat mit „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ in akribischer Feinarbeit das Leben und Wirken des Künstlers und Regisseurs Christoph Schlingensief (1960-2010) aufbereitet. Das für seine umstrittenen Kunstaktionen bekannte Enfant terrible war 2009 selbst Jurymitglied der Filmfestspiele.

Am Samstag startet die Berlinale ins erste Festivalwochenende. Im Wettbewerb stellt die US-amerikanische Drehbuchautorin und Regisseurin Kelly Reichardt ihren Film „First Cow“ vor (19.00 Uhr). Die Geschichte um Pelzjäger, einen Koch und chinesische Einwanderer spielt im wilden Oregon des frühen 19. Jahrhunderts. Zudem im Wettbewerb zu sehen: der französisch-schweizerische Beitrag „Le sel des larmes“, in dem Philippe Garrel in Schwarz-Weiß-Bildern von großen Gefühlen erzählt.

Jenseits der Kinoleinwand erhält die Kinemathek Teile aus dem Nachlass von Jerry Lewis. Als erste Auszeichnung geht die Berlinale Kamera an die Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger („Freak Orlando“).



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Flüchtlingshilfe: Mit einem Fuß im Gefängnis

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Eigentlich könnte Michael Störck seine Pension genießen und nach dem Aufwachen darüber sinnieren, was er aus dem arbeitsfreien Tag machen könnte. Stattdessen setzt sich der Wiener noch immer jeden Wochentag um sechs Uhr früh ans Steuer, um rechtzeitig seinen Jobs nachzukommen. Der 67-jährige Chirurg betreibt eine florierende Praxis in St. Pölten. Sein langjähriger Arbeitgeber, das Landesklinikum im niederösterreichischen Lilienfeld, hat ihn zudem gebeten, zwei Tage die Woche weiter als Chirurg einzuspringen. Zum einen wollte er sich noch nicht ganz zur Ruhe setzen. Zum anderen mochte er sein altes Spital, das wie viele andere unter akutem Ärztemangel leidet, nicht hängen lassen.

Nach Dienstschluss treibt Störck aber die Politik mehr denn je um. Politisch interessiert war er immer, politisch aktiv ist er erst spät geworden – vornehmlich wegen der sozialen Medien.

In einer geschlossenen Facebook-Gruppe tauscht sich Störck spätnachts mit rund dreihundert handverlesenen Facebook-Freunden über die aktuelle politische Lage aus. Die Gruppe versteht sich als „eine virtuelle Insel Gleichgesinnter im Kampf gegen den Rechtsextremismus“. Hauptthema sind nicht nur jüngste Wahrnehmungen von einschlägigen Umtrieben vor allem der FPÖ, sondern auch entsprechende Gegenwehr-Aktionen in der digitalen und analogen Welt.

Der in einer bürgerlichen Wiener Familie aufgewachsene Arzt kann sich bis heute auch nicht mit dem radikalen Bruch Österreichs bei der Flüchtlingspolitik abfinden. 2015 fanden sich Politiker aller Couleur, außer von der FPÖ, noch am Westbahnhof ein, um ihre Unterstützung für die Zehntausende Flüchtlinge und deren freiwillige Helfer zu demonstrieren. Mit dem Machtwechsel in der ÖVP von Reinhold Mitterlehner zu Sebastian Kurz und der Neuauflage von Schwarz-Blau machte sich zum Leidwesen von Michael Störck ein anderes Klima breit: Abschottung statt Empathie, Wegschauen statt Helfen, Kälte statt Wärme.

Michael Störck hat im Alltag als Arzt schon zu viel gesehen, um ein naiver Träumer zu sein: „Aber wenn jemand in Not ist und akut Hilfe braucht, frage ich nicht lange nach dem Fluchtgrund, Menschlichkeit geht vor.“

In seiner Facebook-Gruppe verfolgt er mit besorgter Aufmerksamkeit die Berichte von Flüchtlingshelfern am Balkan. Nicht nur auf griechischen Inseln und am Festland hoffen Zehntausende Flüchtlinge darauf, irgendwie weiterzukommen. Auch knapp vor der Haustür Österreichs warten im Nordwesten Bosniens Tausende junge Männer darauf, die EU-Außengrenze zu überwinden. Auch wenn sich Politiker von Sebastian Kurz bis Viktor Orbán nach wie vor rühmen, sie hätten die Balkanroute dichtgemacht.

Im vergangenen Jahr wurde ein Flüchtlingslager auf einer Mülldeponie zum Fanal. Bis zu tausend Asylsuchende lebten hier unter widrigsten Umständen. Das alles mitten in Europa, in Vucjak, unweit der kroatisch-bosnischen EU-Außengrenze. Das „Horrorcamp“ wurde vom Bürgermeister des nahen Bihać in der Hoffnung errichtet, die EU werde helfen, daraus ein Flüchtlingslager zu machen, für das sich niemand genieren muss.

Der Schandfleck Vucjak wurde nach einem Innenministertreffen Ende 2019 in Wien zwar geschlossen. Neue Lager werden aber von Bosnien bewusst nicht errichtet.

Die hier Gestrandeten leben so in einer Sackgasse. Im ganzen Land sind sie unerwünscht. Über die Grenze schafft es, so die Faustformel vor Ort, nur einer von tausend, die es versuchen. Denn die kroatische Staatsführung will mit allen Mitteln unter Beweis stellen, dass bald Schluss ist mit lästigen Grenzkontrollen Richtung Slowenien, Österreich und Deutschland – und das Land damit reif für die Schengen-Zone.



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